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Generalanzeiger Bonn, 20.12.2001

“Niemand tut Böses aus Berechnung”

Uraufführung – Das Amator Veritas Theater spielt Norman Liebolds “Politicon” im CVJM Kulturcafé.
Märchenallegorie und aktuelle Bezüge regen zum Nachdenken an. Kritik am “unbefleckten Amerika”.

von Simon Vieth

robert christott, norman liebold

SIEGBURG. “Wenn man keinen Feind hat, dann muss man sich eben seinen machen”, sagt der Herrscher vom Hohen Turm. Energisch lässt er seine Ratgeberin Janae einen Brief verfassen, eine unverhohlene Herausforderung an den Herrscher des Nachbarlandes Samarkant. Dieser habe den Gott des Hohen Turms anzuerkennen oder müsse die Konsequenzen tragen. Der Herrscher wendet sich an sein Volk, rührt die Propaganda-Trommel und inszeniert letztlich ein Brandattentat auf Palast und Tempel. Und bald stehen sich die Heere beider Länder auf dem Schlachtfeld gegenüber. Janae und Schäfer Janus sehen das Ende ihrer Welt herausdämmern.
“Politicon” ist ein Stück um Machtbesessenheit und Herrschaft, aber auch um Liebe und Einsicht. Der Siegburger Norman Liebold, Autor, Regisseur und Darsteller des Janus, schrieb es im Herbst in nur vier Wochen. Im CVJM-Kulturcafé führte er die Premiere mit zwei weiteren Mitgliedern des Siegburger Amator Veritas Theaters, Vera Walterscheid und Robert Christott auf. Als fünfaktiges Drama, die Sprache an alte Klassiker angelehnt, nimmt “Politicon” die Ereignisse des 11. Septembers allegorisch auf.
Gleichzeitig schlägt das Stück aber auch eine weite Brücke in die Geschichte, greift ein wiederkehrendes Muster auf und spiegelt fast ebenso aktuell die Kreuzzüge, die Weltkriege, das “Dritte Reich” und unzählige andere Konflikte wieder. Liebold wendet sich nicht – wie ihm Kritiker schon vorgeworfen haben – einzig und allein gegen das “unbefleckte Amerika”. Der Herrscher begibt sich in seiner Propagandarede in Gestus und Sprache Hitlers. Das Feindbild des großen Bären erinnert an Karikaturen des kommunistischen Sowjetrusslands.
Den Gegenpart zu dem Herrscher, der im Glauben an die Richtigkeit seines Handelns gefangen ist, bildet die Liebe zwischen Janae und Janus. Der Schäfer, zum Boten der Freien Städte geworden, quittiert seinen Dienst und will mit Janae zu seinen Schafen zurückkehren. Diese entwickelt sich unter seinem Einfluß von der treuen Offizierin zur Oppositionellen, die nicht begreift, warum ihr Herrscher solches Unrecht verübt. Doch Janus erläutert: “Niemand tut Böses aus Berechnung. Das meiste Böse geschieht in dem Glauben, das Rechte zu tun.”
Über weite Strecken ist das Stück in der Folge der Ereignisse allzu vorhersehbar, wohl durch die Aktualität des Themas und die Form der Allegorie. Die energische und ausdrucksstarke Spielweise der Akteure und die Wortgewandtheit des Autors lassen es dennoch nicht langweilig werden. Mit der abschließenden Anrufung Gottes erhält das Stück zudem eine unvorhergesehene Wendung.
Termine für weitere Aufführungen gibt es noch nicht, da das Amator Veritas Theater für “Politicon” neue Spielorte sucht.

Bildunterschrift: Energisch und ausdrucksstark: Autor Norman Liebold als Janus, Robert Christott als Herrscher vom Hohen Turm (von links). FOTO: AXEL VOGEL



[Norman Liebold, 20.12.2001
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