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Kölner Stadtanzeiger August 2002

Ein Wesen sucht seine Identität

Das “Wolfsschaf” aus der Sammlung “Märenborn” erweckte Autor Norman Liebold zum Leben.

Von Britta Gürke

als wolfsschaf

SIEGBURG. Mit fragenden Gesichtern sitzen die Zuschauer auf ihren Plätzen, nur wenige scheinen zu wissen, was sie an diesem Abend erwartet. Ein seltsames Wesen betritt schließlich die Bühne. Schwer fällt es, zu entscheiden, ob es sich bei der Gestalt um einen Wolf, einen Menschen oder vielleicht sogar ein Schaf handelt. Das Mischwesen beginnt zu sprechen und bekennt bereits im ersten Satz, dass es selbst nicht so genau weiß, wer oder was es eigentlich ist und liefert damit den Ausgangspunkt für eine ungewöhnliche, manchmal verwirrende Geschichte.
“Märenborn” heißt die Sammlung von Erzählungen des Siegburger Autors Norman Liebold, die im Juli diesen Jahres im Amator Veritas Verlag erschienen ist. Die Schauspieler des dem Verlag angegliederten Amator Veritas Theater bearbeiteten Liebolds Erzählungen für die Bühne. Der Autor selbst steht diesem kleinen Theater-Ensemble vor, in gemütlicher Atmosphäre im Innenhof des CVJM in Siegburg konnten die Zuschauer seine Inszenierung des Ein-Mann-Stücks “Wolfsschaf” hautnah miterleben und sich stellenweise sogar selbst beteiligen.
Als ein besonderer Geschichtenerzähler versteht sich Liebold, der seine Erzählungen nicht einfach vorliest, sondern frei nacherzählt, lebendig gestaltet und passend zum jeweiligen Publikum auch immer wieder verändert. Auf diese Weise brachte er den Zuschauern auch das Rätsel des “Wolfsschaf” nahe und berichtete von den zahlreichen Abenteuern, die dieses seltsame Tier auf der Suche nach seiner wahren Identität erleben muss.
Ob es nun ein Wolf ist oder Schaf erfährt das Fantasie-Wesen jedoch nicht, am Ende seiner langen Geschichte wird es zu einem blutrünstigen Monstrum, das sich in Gewaltausbrüchen an der ihm feindlich gegenüberstehenden Welt rächt. Ausdrucksstark stellte Liebold die inneren Konflikte seiner Figur dar, für seine humorvollen bis sarkastischen Seitenhiebe auf moderne “Selbstfindungsprobleme” erntete er so manchen Lacher aus dem Publikum.
“In meinen Geschichten richte ich mich gegen die krampfhafte Suche nach Authentizität”, erklärt Liebold das traurige Ende des Mischwesens. “Jeder soll das sein, was er ist”, lautete die Botschaft des “Wolfsschafes”, anzuwenden auf die Gegenwart, in der Liebold viele Jugendliche sieht, die auf der Suche nach Besonderheit bestimmte Archetypen nachahmten und ihre eigenen Wesensmerkmale vergäßen.
Komisch und tragisch zugleich sollen seine Geschichten Zuhörer und Leser aufrütteln, dazu nutzt er eine altertümliche Sprache, die sich am Stil mittelalterlicher Versepen orientiert, in der sich aber auch Worte und Wendungen verschiedener Zeiten überschneiden. Immer wieder ist in den Figuren seiner Geschichten, den sie umgebenden Landschaften und auch seinen eigenen Illustrationen für die Buchausgabe des “Märenborn” Liebolds Faible für mittelalterliche Dichtung zu erkennen. Häufig verwendet er typische Symbole und auch seine freie Erzählweise versteht er als Anspielung auf die Spielmannskultur des Mittelalters.
Nicht immer gelingt Liebold in der schriftlichen Ausarbeitung seiner Geschichten die Gratwanderung zwischen mittelalterlicher Stilistik und moderner Thematik und Aussage. Nicht zuletzt die Vermischung der Wesenszüge des Schafes und des Wolfes stiften neben witzigen Momenten in manchen Passagen auch einige Verwirrung. Durch seine lebendige Erzählweise konnte Liebold die Diskrepanzen zwischen Sprache und Thematik im Text des “Wolfsschafes” bei der Aufführung des Stückes jedoch ausgleichen.

Bildunterschrift: Präsentierte sein “Wolfsschaf auf der Bühne: Autor Norman Liebold, der ein Faible für Mittelalterliches hat.



[Norman Liebold, 14.08.2002
Presseartikel
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