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	<title>Pressespiegel &#187; Navigator</title>
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	<description>Norman Liebolds Pressespiegel</description>
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		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – letzte Folge</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Jul 2009 19:54:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presseartikel]]></category>
		<category><![CDATA[Navigator]]></category>
		<category><![CDATA[NRhZ]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Veröffentlichung]]></category>

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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 29.07.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – letzte Folge Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14077" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 29.07.2009 &#8211; Originalartikel ansehen</a></small></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – letzte Folge</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben. Lesen Sie hier die letzte Folge der Novelle – die Redaktion. <span id="more-1085"></span></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ, </em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14002" target="_blank"><em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14003" target="_blank">Ausgabe 207</a>. </em></a></p>
<h2>7. Kapitel</h2>
<p>Es dauerte etwa eine Viertel Stunde, bis neben ihm ein Wagen der Polizei hielt. Ein Mann in Uniform stieg aus und blieb neben ihm stehen. Er schaute ihn irritiert an, und Kevin wusste, warum: Ein Mann, der ohne zu telefonieren oder mit Blick auf einen Bildschirm einfach da sa&#223; und noch nicht einmal die St&#246;psel irgendeines Multimediager&#228;tes in der Ohrmuschel stecken hatte, musste ein ungewohntes Bild sein. Zumal er nichts anderes tat, als irgendwelchen Bl&#228;ttern beim Herunterfallen zuzuschauen.</p>
<p>„Sie sind sch&#246;n, nicht wahr?“ konnte er sich nicht zur&#252;ckhalten zu fragen.<br />
„Was ist sch&#246;n, wenn ich fragen darf?“<br />
„Sehen Sie sich einmal die Bl&#228;tter an. Besonders die schmalen mit den K&#252;gelchen unten dran, die drehen sich in der Luft, sehen Sie?“<br />
„Sind Sie Herr Schuhmann?“</p>
<p>„Das wissen Sie doch. Sie wissen auch, dass ich einsdreiundachtzig gro&#223; bin, in D&#252;sseldorf studiert habe und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einen Herzklappenfehler entwickeln werde.“<br />
Der Polizist schaute irritiert. „Ihre Ger&#228;te sind auf der A1 ausgefallen, wir f&#252;rchteten, dass Sie einen Unfall gehabt haben k&#246;nnten.“</p>
<p>„Ich hatte keinen Unfall“, erkl&#228;rte Kevin. „Bei mir ist der Blitz eingeschlagen.“ Er deutete zum Wagen. „Der Bordcomputer ist hin&#252;ber, und das Handy auch. Ich habe mich v&#246;llig verfahren. Das war unheimlich, sage ich Ihnen!“ Kevin wurde bewusst, dass er sich wahrscheinlich auff&#228;llig benahm. Aber es war ihm egal. Er hatte keine Lust, aufgel&#246;st und verzweifelt zu wirken. Er schaute dem Polizisten ins Gesicht. Ob er darum wusste? Musste er nicht darum wissen? Konnte er in einer Stadt mit L&#246;chern in der Wirklichkeit patrouillieren, ohne etwas zu merken? Oder hatte er einfach ein anderes Navigationsger&#228;t und wurden seine Nachrichten und seine Informationen einfach entsprechend abgewandelt, personalisiert, damit er in seiner Nische optimal funktionierte? Oder wurde gar nicht patrouilliert, und es flogen nur diese Kamera-Libellen herum? Kevin wollte gar nicht dar&#252;ber nachdenken. „Sagen Sie, k&#246;nnten Sie vielleicht mein B&#252;ro anrufen? Ich muss um Stunden zu sp&#228;t sein!“</p>
<p>Der Polizist schaute ihn aufmerksam an. Zwei dieser Kamera-Drohnen waren in Kevins unmittelbaren N&#228;he zerst&#246;rt worden, und es war niemand sonst da gewesen. Ob man davon ausging, dass er sie herunter geholt hatte? War er wirklich schon ein Renegat, wie Diogenes meinte? Eine aus dem Ruder gelaufene Zelle, die unter Umst&#228;nden wuchern konnte, eine Krebszelle, die ausgeschaltet werden musste? Der Polizist ging zum Wagen hin&#252;ber und nahm einen Standard-Kommunikator aus einem Fach. Er reichte ihn Kevin. „Den k&#246;nnen Sie behalten, bis ihre Ger&#228;te wieder in Ordnung sind“, sagte er. Kevin schaltete das Ger&#228;t ein, der Bildschirm gl&#252;hte auf. Er dr&#252;ckte den Befehlsschalter. „Verbinde mit Metzner, Robert. European Bank, K&#246;ln.“ Das Ger&#228;t baute die Verbindung auf.</p>
<p>Dann die Stimme Metzners: „Freitag, wo sind Sie, zum Teufel?“<br />
„Mich hat der Blitz getroffen.“<br />
„Bitte was?“<br />
„Sie haben richtig geh&#246;rt, Herr Metzner. Auf der Autobahn ist ein Blitz in meinen Wagen eingeschlagen.“<br />
Stille am anderen Ende. Nach einer Weile: „Geht es Ihnen gut? Kommen Sie ins B&#252;ro?“<br />
„Ja, mit mir ist alles in Ordnung, entschuldigen Sie bitte die Versp&#228;tung. Ich komme gleich.“<br />
„In Ordnung.“</p>
<p>Kevin unterbrach die Verbindung, schaute zum Polizisten hoch. „Muss ich daf&#252;r irgendwo unterschreiben oder so etwas?“ fragte er mit Blick auf den Kommunikator.</p>
<p>„Nein, ist nicht n&#246;tig.“ Der Polizist nickte ihm zu und stieg in seinen Wagen ein.</p>
<p>„Nat&#252;rlich nicht“, murmelte Kevin. Sein Daumen massierte die Stelle an seinem Unterarm, wo er das Reiskorn des Chips sp&#252;ren konnte, wenn er stark genug rieb. Sie wussten, wer er war, sie wussten, wo er war. Sie lenkten ihn durch eine Welt, die sie f&#252;r ihn bauten. Eine Welt, aus der sie einfach ausblendeten, was er nicht sehen sollte.</p>
<p>Irgendwo tief drinnen in ihm arbeitete etwas, er sp&#252;rte es, wusste aber nicht, was es war. Langsam stand er auf, stieg in den Wagen, steckte den Z&#252;ndschl&#252;ssel ins Schloss und startete. Er dr&#252;ckte den Befehlsknopf des Kommunikators. „Ich m&#246;chte zum Brokerb&#252;ro der European Bank“, sagte er. Aus dem Ger&#228;t ert&#246;nte ein wenig blechern eine weibliche Stimme: „Ordnen Sie sich in den Verkehr ein und folgen Sie der Stra&#223;e.“ Das Display wurde zum Videofilm, der seinen Wagen von hinten zeigte, wie er zwischen den Linden die Stra&#223;e hinunter fuhr. Ein gr&#252;ner Pfeil zeigte ihm, wo er lang fahren musste.</p>
<p>Es geschah, als er die Glasfassade der European Bank aufragen sah. Es war kein Gedanke, den man h&#228;tte in Worte fassen k&#246;nnen. Kevin bremste und fuhr rumpelnd die Bordsteinkante vor dem Steakhaus hinauf, in dem er regelm&#228;&#223;ig a&#223;. Er gr&#252;&#223;te den Kellner, als ereintrat, l&#228;chelte ihn an und fragte, ob er vielleicht kurz ein Steakmesser ausleihen k&#246;nne. Mit etwas verwirrtem L&#228;cheln ging der Kellner und kam wenig sp&#228;ter mit dem Gew&#252;nschten zur&#252;ck. Das L&#228;cheln schwand, als Kevin das Jacket auszog und ihm mit der Bitte reichte, es einen Moment zu halten, w&#228;hrend er den &#196;rmel seines Hemdes aufkrempelte, das Messer nahm und die Spitze auf die winzige Narbe setzte.</p>
<p>„Herr Freitag!“ entfuhr es dem Kellner.</p>
<p>„Ich habe Ihnen nie gesagt, wie ich hei&#223;e“, sagte Kevin. Er f&#252;hlte mit der Messerspitze nach dem Reiskorn unter seiner Haut. Er verst&#228;rkte den Druck. Es war ein brennender, aber nicht allzu schlimmer Schmerz, als das Metall in die Haut fuhr. Der Kellner zog scharf die Luft zwischen die Z&#228;hne, als Blut heraus quoll. Nicht viel, Kevin achtete darauf, nur die Haut zu durchstechen. Er dr&#252;ckte dem Kellner auch das Messer in die Hand und f&#252;hlte mit den Fingerspitzen. Knetete. Zog. Pulte. Da war es. Es l&#246;ste sich nur schwer, schien eingewachsen zu sein. Fast zwanzig Jahre, kein Wunder. Er fasste es mit den N&#228;geln wie mit einer Pinzette und riss daran. Ein kurzer, stechender Schmerz und das kleine, spindelf&#246;rmige Ding lag in seiner Hand.</p>
<p>Es hatte etwas von einem Insekten-Ei, fand Kevin. Wie in manchen Filmen, wo irgedwelche Spinnen ihre Eier in einen Menschen legten, die Brut sich vom Fleisch des Wirtes n&#228;hrt und dann aus seiner aufbrechenden Haut ausschl&#252;pft.</p>
<p>Er lie&#223; es auf den Boden fallen, stellte den Absatz darauf und legte sein ganzes Gewicht auf das Bein. Ein unendlich leises Knirschen l&#246;ste ein seltsames Gef&#252;hl der Befriedigung in ihm aus.</p>
<p>„Danke f&#252;r das Messer“, sagte Kevin zu dem Kellner, nahm sich sein Jackett und verlie&#223; das Restaurant.</p>
<p>Die Wunde am Unterarm blutete kaum. Bevor er in den Wagen stieg, holte er den Atlas aus dem Kofferraum. Er w&#252;rde sich wahrscheinlich unz&#228;hlige Male verfahren, das war ihm klar. Nicht nur, weil die Karten drei&#223;ig Jahre alt waren und sich einiges ge&#228;ndert haben d&#252;rfte. Er hatte sich noch nie mit so etwas zurechtfinden m&#252;ssen.</p>
<p>Aber das war in Ordnung.</p>
<p>Er nahm den Kommunikator und dr&#252;ckte den Befehlsknopf, w&#228;hrend er die Karte studierte. „Bring mich auf die Autobahn Richtung Berlin“, machte er ein letztes Zugest&#228;ndnis. Sobald er aus der Stadt heraus war, hielt er auf dem Standstreifen, stieg aus und legte das Ger&#228;t vor den Reifen. Ganz langsam rollte er zuerst mit dem Vorder- dann mit dem Hinterrad dar&#252;ber. Und noch einmal vor und zur&#252;ck. Dann senkte er den Fu&#223; auf das Gaspedal und lenkte auf die Fahrbahn zur&#252;ck.</p>
<p>Der Atlas lag aufgeschlagen neben ihm, zwischen den blauen Flecken einer Seenplatte war eine kleine Stadt rot eingekreist.<br />
Und &#252;ber ihm in den grauen Wolken sah er den langgestreckten Pfeil der ziehenden Kraniche.</p>
<p><em>Hiermit endet Norman Liebolds Novelle. Wer die ganze Erz&#228;hlung noch einmal im Zusammenhang lesen m&#246;chnte, kann sie beim Amator Veritas Verlag f&#252;r 8,60 Euro bestellen. </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7<br />
<br clear="all"><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 14</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Jul 2009 10:55:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presseartikel]]></category>
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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 22.07.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 14 Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14003" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 22.07.2009 &#8211; Originalartikel ansehen</a></small></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 14</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben – die Redaktion.<span id="more-1079"></span></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ, </em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13944" target="_blank"><em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14002" target="_blank">Ausgabe 206</a>. </em></a></p>
<h2>6. Kapitel (Fortsetzung)</h2>
<p>Kevin erhob sich und lie&#223; sich zur T&#252;r bringen.</p>
<p>„Du f&#228;hrst die Stra&#223;e, die &#252;ber den Bach geht, rechts hoch und immer geradeaus. Du biegst nicht ab. Immer geradeaus. Du wirst sehen, wenn du drau&#223;en bist.“</p>
<p>„Und dann?“</p>
<p>„Ich denke, du wirst nicht lang warten m&#252;ssen. Wahrscheinlich eine h&#246;fliche Polizeistreife oder so etwas. Stell dich bl&#246;de, sei richtig verwirrt und ganz und gar hilflos. Du warst hier, klar, aber du kannst dir keinen Reim drauf machen. Erz&#228;hl vor allem nichts von mir, klar?“ Kevin nickte. Der Alte dr&#252;ckte ihm den Atlas in die Hand. „Gut verstecken!“ mahnte er. „Vielleicht brauchst du ihn noch mal.“</p>
<p>„Wof&#252;r?“<br />
„Hm“, machte Diogenes. „Das wei&#223; man nie. Kennst du Mecklenburg-Vorpommern?“</p>
<p>Kevin bemerkte einmal mehr, wie vage sein Weltbild war. Er sp&#252;rte den Impuls, das Handy zu z&#252;cken und Mecklenburg-Vorpommern als Suchbegriff einzugeben. „Irgendwo n&#246;rdlich von Berlin, oder?“</p>
<p>Diogenes nickte, nahm die Pfeife aus dem Mund und zog noch einmal mit dem Mundst&#252;ck seinen Kreis. „Wir leben in einer riesengro&#223;en L&#252;ge, mein Junge, einer riesengro&#223;en, beschissenen L&#252;ge. Sieh dir das hier an, ja? Da dr&#252;ben meinen Kohl, meine Kartoffeln. Meine Schafe und Ziegen. Zehn H&#252;hner habe ich und sechs Karnickel. Ich bin sechsundachtzig, habe nicht einen Zahn im Maul, und verdammt, ich zieh mir sogar meinen Tabak selber!“ Seine hellen Augen gl&#228;nzten stolz. „Und den Hut habe ich selber gefilzt.“</p>
<p>„In der Tat, der ist beeindruckend“, sagte Kevin. Er musste grinsen. In seinem Inneren, er h&#228;tte nicht sagen k&#246;nnen, warum, l&#246;ste sich ein Knoten. Langsam, sehr langsam. Dieser Alte hier, der war auf eine ganz eigene Art frei. Wirklich frei.</p>
<p>„Und praktisch, das kann ich dir sagen. Ich sage noch mehr, mein Junge: Ihr werdet beschissen, klar? So richtig beschissen. Man pfercht euch ein in einen K&#228;fig aus Angst oder in einen kuntibunten vollanimierten Plastikw&#252;rfel. Du unterscheidest dich nicht von denen, die hier ihre Sammelstelle genannt bekommen und morgens vom grauen Bus in die Fabrik gefahren werden, in die M&#252;lltrennungsanlage, auf die Baustellen. Du machst dir vielleicht nicht so die Knochen kaputt, aber du bist keinen Deut freier. Vielleicht sogar weniger.“</p>
<p>Die Drohne surrte &#252;ber die Kohlk&#246;pfe wie eine mutierte Libelle. Diogenes schaute mit einem nerv&#246;sen Blick hin&#252;ber. „Ich w&#252;rde mich gerne l&#228;nger mit dir unterhalten“, sagte er. „W&#252;rde dir komischen Banker erkl&#228;ren, wie diese Sklaverei funktioniert. W&#252;rde dich fragen, woher die fetten Aktion&#228;re eigentlich ihren Reichtum bekommen, obwohl sie sich nur die Eier schaukeln. Wer all diese labernden Horden unterh&#228;lt, diese Politiker und &#220;ber-, Unter- und Mittelsekret&#228;re, die unsere Geschicke zu leiten sich anheischig machen. Womit dieser ganze gigantische Apparat in seinen riesigen Glaspal&#228;sten bezahlt wird. W&#252;rde dir gerne auseinander setzen, dass das nichts als eine riesige L&#252;ge ist, um von vielen auf einige wenige umzuverteilen.“</p>
<p>Die mutierte Libelle surrte in ihre Richtung und schwebte einen Meter hoch &#252;ber dem Stoppelfeld, auf dem der Mais gestanden hatte.</p>
<p>„In Mecklenburg-Vorpommern, da gibt’s ganze Landstriche, die sind in den Zwanzigzehner Jahren regelrecht ausgestorben. Keine Arbeit, man ist abgewandert, die Landwirtschaft hatte die absurden Gesetze der EU – der Vorl&#228;ufer des Vereinigten Europa – in Grund und Boden gestampft. Die Infrastruktur zerfiel, kein Schwein k&#252;mmerte sich mehr darum.“ Der Alte nahm Kevin den Atlas noch einmal aus der Hand und bl&#228;tterte darin, Kevin sah blaue Flecken, das waren Seen, viele Seen, eng beieinander. Neben einem war ein roter Kreis, der eine kleine Ortschaft umgab.</p>
<p>Der Alte tippte mit dem Finger darauf. „Ist eine ganz kleine Stadt“, sagte er. „Hat v&#246;llig leer gestanden und verfiel schon. Da sind einige vern&#252;nftige Leute hingegangen. Wenn man so Leute wie mich vern&#252;nftig nennen w&#252;rde, meine ich.“ Er klappte den Atlas zu. „Das System ignoriert sie, sie ignorieren das System. Ist f&#252;r beide das beste. Sie leben v&#246;llig autark.“</p>
<p>„Warum erz&#228;hlen Sie mir das?“</p>
<p>Der Alte zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, weil heute die Kraniche ziehen.“</p>
<p>Die Drohne war herangekommen und schwebte einen knappen Meter neben Diogenes. Ihr Kameraauge fixierte Kevin. Der Alte machte einen seitlichen Ausfallschritt, der Atlas sauste herab und schlug das Ger&#228;t aus der Luft. Es prallte auf den Boden und zersprang in ein Dutzend Einzelteile. Diogenes trat darauf und drehte den Absatz gen&#252;sslich auf der Kamera. „So, jetzt mach dich vom Acker“, sagte er zu Kevin und reichte ihm den Atlas.</p>
<p>„Danke“, sagte Kevin. Er nickte dem wunderlichen Alten zu und schritt den Trampelpfad hinunter. Ehe er in den Tunnel der Birken und Pappeln eintauchte, drehte er sich noch einmal um. Er sah ihn in einem der Korbst&#252;hle sitzen und mit einem Messer seine Fische putzen. Es war ein gutes Bild, ein Bild, das irgendwie ein Gegengewicht schuf, ein Gegengewicht zu der wirbelnden Unsicherheit, zu dem engen Gef&#252;hl in seiner Brust. Als er sich wieder umdrehte und durch den Tunnel aus Zweigen und herbstbuntem Laub schritt, war ihm, als durchschritte er eine unsichtbare Grenze. Die Welt auf der anderen Seite war nicht mehr dieselbe. Er f&#252;hlte den Atlas in seiner Hand, und seine Finger schlossen sich fester darum. Er f&#252;hlte sich ein wenig an wie der Z&#252;ndschl&#252;ssel um seinen Hals. Vielleicht war auch er eine Art Schl&#252;ssel.</p>
<p>Beim Wagen angekommen &#246;ffnete er den Kofferraum, hob die Abdeckung &#252;ber dem Reserverad an und versteckte ihn sorgf&#228;ltig darunter. Dann fuhr er so, wie Diogenes es ihm beschrieben hatte: An der Br&#252;cke rechts, dann immer gerade aus. Zwei Mal sah er einen grauen Bus, vollgepfropft mit graugesichtigen, m&#252;den Leuten. Die H&#228;user begannen, ein wenig besser auszusehen. Ab und zu stand wieder ein Wagen in den Parkbuchten und die Stra&#223;e war von hohen Linden ges&#228;umt.</p>
<p>Ein zweites Mal rollte Kevin &#252;ber die mit virtuellem Zirkel gezogene Grenze, die er weder sehen noch riechen konnte. Aber jetzt ahnte er sie. Hier hatte das Skalpell angesetzt und an der Wirklichkeit operiert, hatte ein St&#252;ck fein s&#228;uberlich heraus getrennt. Jetzt ver&#228;nderte sich der Stra&#223;enzug schnell, und Kevin rollte in die blitzblank geputzte Welt zur&#252;ck, die er kannte. Aber sie schmeckte faul in seinem Mund – und kalt. Er fuhr an den Stra&#223;enrand, stellte den Wagen ab und stieg aus. Ein Gel&#228;nder lief um den Stamm einer Linde, er setzte sich darauf und schaute, die H&#228;nde tief in den Taschen seines Jackets, den Bl&#228;ttern zu, die aus den Wipfeln der B&#228;ume durch die Luft auf die Stra&#223;e trudelten. Er dachte nichts, und in ihm breitete sich eine Stille aus. Dieselbe Stille wie an der Br&#252;cke, wo Diogenes geangelt hatte.</p>
<p><em>Lesen Sie auch in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Norman Liebolds Novelle! </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
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		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 13</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Jul 2009 10:55:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 15.07.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 13 Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14002" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 15.07.2009 &#8211; Originalartikel ansehen</a></small></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 13</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben – die Redaktion.<span id="more-1078"></span></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ,</em><em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14000" target="_blank">Ausgabe 205</a> </em></p>
<h2>6. Kapitel (Fortsetzung)</h2>
<p>„Die Ein-Euro-Jobber wurden nicht mehr als arbeitslos gez&#228;hlt. Durchaus legitim, immerhin arbeiteten sie ja auch, auch wenn sie sich weiter wie Abschaum und Arbeitslose f&#252;hlen mussten. Und dem System kamen die frisierten Zahlen sehr gelegen. Zuerst nur sogenannte soziale Einrichtungen, sp&#228;ter dann Firmen nutzten diese Leute als Arbeiter. Logisch, nicht wahr? Arbeiter umsonst, das ist un&#252;bertrefflich effizient und wettbewerbsf&#228;hig. Noch besser als Roboter, wenn man es genau nimmt. Als die Finanzkrise diesem Hirnschiss von Wirtschaftssystem, dieser d&#228;mlichen Wahnvorstellung von Profit und ewigem Wachstum, diesem Jeder-beschei&#223;t-Jeden-Spiel den Spiegel vor hielt, war schon alles da. Ich kann mich erinnern: Am Anfang hie&#223; es, man wolle verhindern, dass die Firmen Pleite gingen und auf diese Weise Arbeitspl&#228;tze verloren gehen. Der Staat begann, unglaubliche Summen von Steuergeldern nicht nur wie &#252;blich &#252;ber getarnte Kan&#228;le, sondern ganz dreist und offen direkt in die Kassen der Konzerne zu leiten. Und sie gingen noch einen Schritt weiter. Neben Finanzhilfen wurden vermehrt kostenlose Arbeiter nicht nur in die Altenheime geschickt, sondern in die Fabriken. D&#228;mliche Sache, nat&#252;rlich: Wenn einer umsonst Arbeiter kriegt, warum sollte er bezahlte Leute einstellen? Ich wei&#223; nicht, ob das ein abgekartetes Spiel gewesen ist. Vielleicht war es nur die Verbindung von korrupten Aufsichtsrats-Politikern, hirnloser Bereicherung, pathologischer Horizontverengung und v&#246;lliger D&#228;mlichkeit.“</p>
<p>Der Alte deutete durch das Fenster seines Fasses nach drau&#223;en. „Die Leute da, die kriegen das Notwendigste vom System. Dach &#252;ber dem Kopf, billigen Fra&#223;, was zum Anziehen, damit sie nicht erfrieren. Und den einen oder anderen Luxus, damit sie nicht die Stadt anz&#252;nden. Ein Fernseher steht in jeder Wohnung, das ist nat&#252;rlich selbstverst&#228;ndlich. Und Videospiele f&#252;r die Kinder. So, wie es in deiner Welt selbstverst&#228;ndlich ist, dass ein flei&#223;iger Junge einen guten Job bekommt, ein Auto f&#228;hrt und in einer vollautomatisierten Wohnung lebt, ist es hier selbstverst&#228;ndlich, dass es keine Jobs gibt, egal, wie gut man ausgebildet ist. Wobei kaum einer gut ausgebildet ist. Wer hier geboren wird, kommt nicht raus. Wenn das System die Leistungen streicht – und das geht schnell – krepierst du. Zumindest ist das das Gef&#252;hl, in dem die Menschen hier leben.“ Diogenes schenkte Kevin noch etwas von dem Selbstgebrannten ein. „Du hast die Busse gesehen. Die Leute hier, sie bekommen eine Nachricht. Da steht nichts weiter drin als die Nummer ihrer Bedarfsgemeinschaft, die Sammelstelle und die Uhrzeit. Und nat&#252;rlich die Belehrung, was im Falle des Nichterscheinens f&#252;r Restriktionen in Kraft treten werden.“</p>
<p>Diogenes nahm die Pfeife zur Hand, klopfte sie aus, reinigte sie mit einer gewissen Umst&#228;ndlichkeit, um sie in aller Seelenruhe aus einem Lederbeutel neu zu stopfen. Kevin konnte nichts sagen. Es sa&#223; nur da, seine Welt hatte Risse und zerbr&#246;ckelte, je mehr die Worte des Alten in ihn eindrangen. Der Wind fauchte in einer Ritze des Wagens, im Ofen knackte das Holz, es roch nach Salbei und brennenden Buchenscheiten. Ab und zu schrieen weit oben in den grauen Wolken die Kraniche.</p>
<p>„Wie viele &#8230;“, stammelte Kevin nach einer Weile. „Wieviel Prozent &#8230;“</p>
<p>Diogenes steckte sich seine Pfeife in den Mund. Er ging zum Ofen hin&#252;ber, &#246;ffnete die Klappe und hielt einen langen Span hinein. „Keine Ahnung“, sagte er. „Die Schwierigkeit ist, dass man das nicht gut nachpr&#252;fen kann. Ich wei&#223; es von hier, weil ich hier mit meinen eigenen Augen sehen, mit meinen H&#228;nden anfassen kann. Aber nimm den alten Atlas hier und vergleich ihn mit den Karten, die dir dein Navigationssystem ausspuckt. Diese virtuelle Schei&#223;e hat die Welt mehr ver&#228;ndert als ein Atomkrieg!“</p>
<p>Diogenes paffte, w&#228;hrend er den brennenden Span an den Pfeifenkopf hielt. Gro&#223;e Rauchwolken stiegen auf, es roch leicht s&#252;&#223;lich und nach Kr&#228;utern. „Deine Wirklichkeit, deine tolle weltumspannende Informiertheit, ich geb darauf so viel, wie ich Dreck unter dem Fingernagel hab. Deine Nachrichten-Feeds erz&#228;hlen dir, dass in Indien eine heilige Kuh umgefallen und dass die Arbeitlosenquote auf unter ein Prozent gefallen ist. In Amiland ist ein neuer Pr&#228;sident gew&#228;hlt worden, der Politiker soundso im Hindukusch hat sich mit Minister Waswei&#223;ich getroffen und H&#228;ndchen gesch&#252;ttelt, und in Bagdad wurde wiedermal ein Attentat ver&#252;bt, infolgedessen folgende Anti-Terror-Gesetze versch&#228;rft werden m&#252;ssen, um die bedrohten B&#252;rger zu sch&#252;tzen. Und tickertickerticker die aktuellen Aktienkurse und irgendwelche Prognosen f&#252;r Wirtschaftswachstum. Was immer diese komischen Zahlen auch aussagen sollen.“</p>
<p>Diogenes stie&#223; eine gewaltige Wolke blauen Rauches aus und setzte sich wieder an den Tisch. „Und du wei&#223;t noch nicht einmal, dass in der Stadt, in der du lebst, dieses Viertel existiert und wahrscheinlich mehr als ein Drittel der Einwohner eine Art neue Sklavenschicht bildet. Ihr haltet euch f&#252;r so unglaublich frei, dabei lauft ihr in den engsten Gleisen, die es je gegeben hat. Bei euch sind noch nicht einmal mehr die Gedanken frei, sag ich dir!“</p>
<p>Ein mechanisches Surren vor der Scheibe, Kevin drehte den Kopf und sah eine weitere Drohne mit schnell drehenden Rotoren &#252;ber dem Salbei schweben. Diogenes fluchte ein „Schei&#223;viecher“, aber ehe er das Fenster aufreissen und das Ding mit einem Buch platt schlagen konnte, war es weggesurrt. „Hm“, knurrte der Alte. „Du solltest nicht allzu lange hier bleiben.“</p>
<p>Er nahm die Pfeife aus dem zahnlosen Mund und kratzte sich mit dem Mundst&#252;ck nachdenklich an der Nasenwurzel. „W&#228;r nicht gut f&#252;r dich, wenn sie dich hier finden. Und w&#228;r auch nicht gut f&#252;r mich.“ Er deutete durch das Fenster auf seinen Garten, machte eine kreisende Bewegung, die seinen Wagen, die B&#252;cher und den Ofen mit inbegriffen. „Das hier, das ist eine Art, nun, sagen wir Falte in der Wirklichkeit. Ein blinder Fleck. Ich habe kaum Ber&#252;hrungspunkte. Ich verbrauche keine vom System produzierten Waren, es fehlen keine Kilowattstunden an Strom, es ist keine Nummer in irgendeiner Datenbank zuviel oder zu wenig.“</p>
<p>Diogenes nahm den Atlas vom Tisch, legte einen Streifen Papier auf den K&#246;lner Stadtplan und klappte ihn zu. „Aber wenn sie dazu gebracht werden, das hier unter die Lupe zu nehmen, dann werden sie mich sehen. Ich bin wie der Floh im Pelz. Solange der Hund nicht wei&#223;, dass ich da bin, habe ich meine Ruhe und kann ihn ab und zu piesacken. Aber wenn er um mich wei&#223;, wird er keine Ruhe geben, bis er mich gefunden und zerquetscht hat.“<br />
<em>Lesen Sie auch in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Norman Liebolds Novelle! </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
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		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 12</title>
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		<pubDate>Wed, 08 Jul 2009 10:59:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Navigator]]></category>
		<category><![CDATA[NRhZ]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Veröffentlichung]]></category>

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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 08.07.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 12 Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14000" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 08.07.2009 &#8211; Originalartikel ansehen</a></small></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 12</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben – die Redaktion.<span id="more-1077"></span></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ, </em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13944" target="_blank"><em></em></a><em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13974" target="_blank">Ausgabe 204</a></em>.</p>
<h2>6. Kapitel (Fortsetzung)</h2>
<p>Diogenes schaute ihn traurig an, nahm den Becher mit dem Selbstgebrannten und nippte daran. Seine unwahrscheinlich blauen Augen sahen Kevin lange an. „Das Mittelalter, mein Lieber, war, verglichen mit heute, &#228;u&#223;erst tolerant. Du hast es immer noch nicht kapiert, oder?“ Er erhob sich halb, beugte sich &#252;ber den Tisch und knallte die Hand auf den ADAC-Atlas mit dem K&#246;lner Stadtplan. „Deine verdammte Plastikwelt hat nichts mit der Realit&#228;t zu tun, J&#252;ngelchen! Die haben dieses ganze beschissene Stadtviertel einfach aus deiner Wirklichkeit rausgeschnitten, klar? Und ich kann dir sagen, das ist nicht das einzige! Die Weltkarte ist umgeschrieben, kapierst du das? Und Schwachmaten wie du kommen noch nicht einmal auf den Gedanken, dass etwas nicht stimmen k&#246;nnte. Eure Navigationssysteme lotsen euch h&#252;bsch drum herum, ihr glotzt auf Eure Bildschirme und glaubt, ein Satellitenbild direkt aus dem Weltraum zu sehen und alles hat seinen Platz. Bis du von einem schei&#223; Blitz getroffen wirst und anf&#228;ngst, deine Augen aufzumachen und selber zu gucken.“</p>
<p>Diogenes‘ Augen flackerten. Er wirkte be&#228;ngstigend, wie er &#252;ber dem Tisch gebeugt stand, die H&#228;nde aufgest&#252;tzt. Alte H&#228;nde, aber kraftvoll von der Arbeit im Garten da drau&#223;en, vom Holzhacken und Schafescheren.</p>
<p>Kevin versuchte, seiner Stimme einen ruhigen, vern&#252;nftigen Ton zu geben. Etwas in ihm wollte glauben, dass das hier ein Verr&#252;ckter war. Wer sonst w&#252;rde auf einem abgerissenen Industriegebiet in einem komischen Zirkuswagen leben, sich Schafe und Ziegen halten und Jagd auf Polizeidrohnen machen? Wahrscheinlich hatte der noch nicht einmal eine Krankenversicherung. Nat&#252;rlich nicht. Der Mann hier existierte noch nicht einmal. „H&#246;ren Sie, das ist ja alles sch&#246;n und gut, was Sie da sagen. Aber wozu – ich frage Sie! – wozu sollte sich denn irgendjemand so einen unglaublichen Aufwand machen? Satellitenbilder f&#228;lschen, Navigationssysteme manipulieren? Nur, damit man nicht wei&#223;, dass es das Stadtviertel hier gibt? Seien Sie doch mal realistisch! Das funktioniert doch gar nicht. Es leben doch Leute in der direkten Nachbarschaft, die sehen doch, dass hier H&#228;user stehen. Und die Leute selbst, die hier wohnen, denen kann man das ja wohl schwer weismachen!“</p>
<p>Die Stimme des Alten wurde leise und ruhig, aber das war erschreckender als ein lautstarker Ausbruch. „Kevin“, sagte er. „Was denkst du, wie hoch ist die Arbeitslosenquote heute?“</p>
<p>„Nach der gro&#223;en Finanzkrise konnte die Arbeitslosigkeit weitestgehend &#252;berwunden und eine stabile Vollbesch&#228;ftigung erreicht werden. Die Arbeitslosen heute stellen nur tempor&#228;re Fluktuationen auf dem Markt dar. Wenn ein alter Job aufgegeben und ein neuer mit Pause angetreten wird, zum Beispiel.“</p>
<p>„Das hast du aber fein auswendig gelernt. Daf&#252;r bekommst du ein Flei&#223;k&#228;rtchen.“ Diogenes t&#228;tschelte seinen Arm und wirkte jetzt vollends, als w&#228;re er &#252;bergeschnappt. „Darf ich dir eine einfache Rechenaufgabe stellen?“ Er wartete Kevins Antwort nicht ab. „Wenn die Konzerne immer weiter auf Automatisierung setzen, nehmen die Arbeitspl&#228;tze zu oder ab? Wenn Unternehmen fusionieren und ihre Teilbereiche f&#252;r gr&#246;&#223;ere Effizienz zusammenlegen, schafft das Arbeitspl&#228;tze, oder baut es sie ab? Wenn ein Gro&#223;konzern die Kirschmarmelade f&#252;r die halbe Welt produziert anstatt tausend kleine Betriebe je f&#252;r ihr Land, bedeutet das mehr Arbeitspl&#228;tze oder weniger? Wenn im Netz eingekauft wird anstatt in unz&#228;hligen L&#228;den mit Verk&#228;ufern, wenn &#8230;“ Er winkte ab. „Ich denke, das reicht. Du siehst aus, als w&#252;sstest du, von was ich rede.“</p>
<p>Er schaute Kevin forschend an, w&#228;hrend in Kevin das mulmige Gef&#252;hl wieder Raum griff. Ja, Kevin wusste, von was der Alte redete. Er war Broker, er verkaufte und kaufte Aktien, er kannte die Kriterien, die am Markt anlagen: Effizienz. Effizienz. Effizienz. Die Kurse f&#252;r einen Konzern gingen hoch, wenn er entlie&#223; und wettbewerbsf&#228;higer wurde. „Vor deiner Finanzkrise, ja? Davor haben die Statistiken etwas von vier oder f&#252;nf Millionen Arbeitslosen erz&#228;hlt in dem Gebiet, das damals Deutschland hie&#223;. Aber jeder, der mitdachte, wusste, dass es wesentlich mehr waren. Man erfand Parameter, nach denen ganze Gruppen aus der Statistik herausgenommen wurden. &#196;lter als so und so viel Jahre, nicht vermittelbar und, eine Erfindung vom Anfang des Jahrhunderts, die so genannten Arbeitsgelegenheiten. Man nannte das auch Ein-Euro-Job. Schon mal was davon geh&#246;rt?“</p>
<p>Kevin sch&#252;ttelte den Kopf. Der M&#252;mmelgreis da vor ihm ohne einen Zahn im Maul erz&#228;hlte und erz&#228;hlte und erz&#228;hlte, und er fragte noch nicht einmal, ob er das &#252;berhaupt h&#246;ren wollte. Und verdammt, er wollte das nicht h&#246;ren. Er hatte keine Ahnung, was dieser alte Knacker ihm &#252;berhaupt sagen wollte. „Ein-Euro-Jobs. Die haben Arbeitslose genommen und f&#252;r umsonst arbeiten geschickt. Ansonsten wurden ihnen die Leistungen gestrichen. Okay?“</p>
<p>„Was okay?“ Kevin war genervt. Was wollte der von ihm? Er hatte das seltsame Bed&#252;rfnis, die H&#228;nde auf die Ohren zu pressen und laut sinnlose Worte vor sich hin zu singen.</p>
<p>„Verstehst du, was ich dir erz&#228;hle?“<br />
„Keine Ahnung, lassen Sie mich doch in Ruhe!“<br />
„Daf&#252;r ist es zu sp&#228;t. Du bist schon zu weit gegangen.“<br />
„Zu weit gegangen? Wohin denn zu weit? He?“</p>
<p>„Du h&#228;ttest dich brav auf den Standstreifen stellen sollen und warten, bis Hilfe kommt. Es h&#228;tte nicht lange gedauert. Irgendein Computer h&#228;tte registriert, dass deine Ger&#228;te nicht mehr online sind. Die RFID-Leseger&#228;te, die alle paar hundert Meter an der Autobahn installiert sind, h&#228;tten deinen Standpunkt &#252;bermittelt, und dass du dich nicht bewegst. Und sie w&#228;ren schnell gekommen. Halbe Stunde, vielleicht. Logisch, nicht wahr? Du bist abgenabelt, du siehst pl&#246;tzlich selber, bekommst nicht sofort alles interpretiert, was du siehst. Du hast keinen Navi. Wer wei&#223;, wo es dich hin verschl&#228;gt. Vielleicht in eine der gro&#223;en Fabriken. Nicht die Vorzeige-Fabriken, mein Junge, ich meine die anderen. Die M&#252;llverbrennungsanlagen, zum Beispiel. Oder du kommst in ein Nirgendwo-Ort wie den hier. Als sie kamen, warst du weg. Du bist nicht brav stehen geblieben. Keine Ahnung wieso, aber du bist wohl ein bisschen anders als diese ferngesteuerten Hirnamputierten – du schei&#223;t auf den Autopiloten und f&#228;hrst selber weiter.“</p>
<p>Der Alte griente. „Ich finde das ja sympathisch, aber ich f&#252;rchte, ich bin da in der Minderzahl. Du bist in den Augen des Systems wahrscheinlich eine Art Krebszelle. Du kurvst ungelenkt durch K&#246;ln und kommst ins Nirgendwo-Land. Du siehst, dass was mit deiner Plastikwelt nicht stimmt. Du hast doch gesehen, wie die Leute hier aussehen, wie sie drauf sind!“</p>
<p>Kevin konnte nur nicken. Der Albtraum kam zur&#252;ck, er schwappte &#252;ber ihm zusammen. Ja, er hatte sie gesehen. Auf seinem Kofferraum war eine tiefe Delle, wo jemand mit einem Brecheisen zugeschlagen hatte. Er sah die herunter gekommenen H&#228;user, die leeren Fenster, den Hass und die Resignation hinter den Augen.<br />
<em>Lesen Sie auch in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Norman Liebolds Novelle! </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 11</title>
		<link>http://presse.norman-liebold.de/2009/07/01/eine-gesellschaftskritische-zukunftsnovelle-in-fortsetzung-teil-11/?utm_source=rss&#038;utm_medium=rss&#038;utm_campaign=eine-gesellschaftskritische-zukunftsnovelle-in-fortsetzung-teil-11</link>
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		<pubDate>Wed, 01 Jul 2009 15:50:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presseartikel]]></category>
		<category><![CDATA[Navigator]]></category>
		<category><![CDATA[NRhZ]]></category>
		<category><![CDATA[Veröffentlichung]]></category>

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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 11 Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13974" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009 &#8211; Originalartikel ansehen</a></small></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 11</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben – die Redaktion.<span id="more-1070"></span><!--more--></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ, </em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13944" target="_blank">Ausgabe 203</a>.</p>
<h2>6. Kapitel (Fortsetzung)</h2>
<p>„Was meinten Sie damit: <em>Wir sind im Lande Nirgendwo</em>?“ fragte er, und seine Stimme war seltsam tonlos. Das Gef&#252;hl, das ihm die Kehle zu dr&#252;ckte, hatte eine andere Qualit&#228;t angenommen. Es f&#252;hlte sich an, als w&#252;rde mit leichtem Schwindelgef&#252;hl der Boden unter ihm weg gezogen. „Hat mich der Blitz &#8230; irgendwie, aus dem Raum-Zeit-Kontinuum &#8230;? Irgendwie, nun &#8230;“ Kevins Stimme br&#246;ckelte weg.</p>
<p>Der Alte stie&#223; ein kurzes, meckerndes Lachen aus. „Du hast zuviel Sience-Fiction gelesen“, erkl&#228;rte er und schenkte die beiden Becher mit Schnaps voll. „Auf der anderen Seite hast du nicht ganz so Unrecht. Ja, in gewisser Weise hat dich der Blitz aus einem Kontinuum herausgeschleudert, als er dir dein Navi weggeschmort hat und den anderen technischen Schnickschnack.“ Er griff nach dem Computer und schaltete ihn aus. „Das ist besser“, erkl&#228;rte er, als er ihn in die Truhe zur&#252;ck legte. „Ist zwar einer der alten Generation, aber er ist <em>online</em>, und sicher kann man nie sein.“ Er bemerkte Kevins fragenden Blick und sch&#252;ttelte den Kopf. „Wie naiv bist du eigentlich? Mensch! Du kannst davon ausgehen, mein Junge, dass man dich schon sucht.“</p>
<p>„Sucht?“<br />
„Sucht!“ Der Alte warf die H&#228;nde zur Decke. „Was denkst du denn, was dieser ganze <em>Online</em>-Schei&#223; soll? Um die Bequemlichkeit der B&#252;rger zu steigern und die Lebensqualit&#228;t?“ Er lachte sein meckerndes Lachen. „Kontrolle, J&#252;ngelchen, Kontrolle! Schei&#223;e nocheins, als die ganze Kacke anfing, Ende der Neunziger, hat man schon gewusst, dass die Schei&#223;dinger ortbar sind.“</p>
<p>„Ortbar?“ Kevin kam sich vor wie ein kleiner, dummer Junge.</p>
<p>„Wenn du dein Schei&#223;handy an hast, dann wei&#223; man, wo du bist. Auf den Meter genau. Und wann hast du es das letzte Mal aus gehabt? He?“ Nur der Gedanke, das Handy auszumachen, war schon seltsam. „Siehste! Schon mal <em>1984</em> gelesen?“ Kevin sch&#252;ttelte den Kopf. Der Alte lachte. „Klar. Das Buch gibt’s nat&#252;rlich noch. Aber niemand kommt auf den Gedanken, es zu lesen. <em>GoogleZon</em> empfiehlt es nicht, erz&#228;hlt nichts davon, ignoriert es einfach. Und ihr, ihr sucht schon lange nicht mehr. Da gibt’s solche Bildschirme, in der Geschichte, wei&#223;t du, auf denen siehst du nicht nur etwas, durch die kann man dich auch sehen. In jeder Wohnung, auf jedem &#246;ffentlichen Platz, &#252;berall sind diese <em>Televisoren</em>, wie Orwell sie nennt. Die Leute m&#252;ssen das dulden. Wir haben das besser hin bekommen. Viel besser.“</p>
<p><img src="http://www.nrhz.de/flyer/media/13974/navi6_Aufregung_hoink.jpg" alt="" width="440" height="318" /><br />
<span><span class="text_small"><span>Illustration: Bj&#246;rn „The Hoink” Zutt</span></span></span></p>
<p>Er wies auf die Truhe, in der der Computer verschwunden war. „Ihr nehmt die Schei&#223;dinger sogar freiwillig &#252;berall mit hin, sendet von &#252;berall, wo ihr gerade seid, und denkt noch nicht mal dr&#252;ber nach, dass jedes Wort, das ihr sprecht, aufgezeichnet, analysiert und verwertet wird. Ihr digitalisiert euer ganzes schei&#223; Leben, vom Babyfoto bis zum Tagebuch, von der Einkaufsliste bis zum Seitensprung. Die k&#246;nnen euer ganzes Leben mit Suchmaschinen durchforsten.“ Der Alte winkte ab. „Ist ja auch egal. Seit du vom Blitz getroffen wurdest, bist du nicht mehr <em>online</em>. Du bist ausgegangen wie ’ne kaputte Gl&#252;hbirne. Der st&#228;ndige Faden der Aufzeichnungen ist pl&#246;tzlich abgerissen. Die Drohne war vielleicht wegen dir hier. Vielleicht bist du an einem RFID-Scanner vorbei gefahren, und sie wissen, dass du hier irgendwo im Niemandsland bist.“</p>
<p>„RFID? Niemandsland?“ Der Boden unter Kevin schwankte immer mehr.</p>
<p>Der Alte strich sich seine schulterlange schlohwei&#223;e M&#228;hne zur&#252;ck. „<em>Radio Frequency Identification“, </em>sagte er. Er griff sich Kevins Unterarm und drehte ihn um. Sein Daumen dr&#252;ckte sich unterhalb des Handgelenks zwischen die Sehnen. Kevin sp&#252;rte das reiskorngro&#223;e Implantat. „2005 erstmals Pflicht in Reisep&#228;ssen. Erfassung der biometrischen Daten des Gesichtes. 2007 kommen die Fingerabdr&#252;cke mit auf den Chip. 2010 Pflicht im Personalausweis, also fl&#228;chendeckende biometrische Erfassung aller B&#252;rger. Der lieben Sicherheit zuliebe unverlierbar zehn Jahre sp&#228;ter unter die Haut versenkt, J&#252;ngelchen. Das Ding zapft dir sogar bio-elektrische Energie ab, um fr&#246;hlich &#252;berall zu verk&#252;nden, dass &#8230;“</p>
<p>Der Alte beugte sich vom Stuhl herunter, klappte seine Truhe auf und kramte ein faustgrosses Ger&#228;t mit Griff und Display heraus. Er schaltete es ein und legte es auf den Tisch. Auf dem Display erschien Text, dann, etwas sp&#228;ter, Bilder. Kevin sah sein Gesicht, frontal aufgenommen und darunter die Reihe seiner Fingerabdr&#252;cke. „&#8230; du Kevin Freitag hei&#223;t, einsdreiundachtzig gro&#223; bist, in Neuss geboren wurdest. Aha. Linksh&#228;nder. Abitur in D&#252;sseldorf, Studium BWL mit Schwerpunkt Datenverarbeitung. Hm. Du hast, was deine Erbsubstanz angeht, einen Risikofaktor am Herzen, wie ich sehe.“ Der Alte streckte Kevin die Rechte entgegen und nickte milit&#228;risch. „Gestatten: Diogenes, mein Name.“</p>
<p>„Diogenes <em>Wer</em>?“ fragte Kevin automatisch.<br />
„Diogenes <em>Niemand</em>“, sagte Diogenes. Er drehte seine Hand. Kevin verstand zuerst nicht, was er damit sagen wollte, bis ihm auffiel, dass Diogenes nicht die kleine, kaum sichtbare Narbe hatte, wo der reiskorngrosse Chip unter die Haut gegangen war. „Diogenes Niemand aus dem Lande Nirgendwo. Den Namen hab‘ ich mir nat&#252;rlich selbst gegeben.“ Er schob Kevin das Ger&#228;t hin&#252;ber und deutete auf eine Anzeige oben rechts im Display. „Es ist nur eine Person hier im Wagen, wie du siehst.“ Er strahlte aus s&#228;mtlichen Falten und F&#228;ltchen und sah &#228;u&#223;erst verschmitzt aus. „F&#252;r das System existiere ich nicht.“</p>
<p>„Deswegen k&#246;nnen Sie die Drohnen &#8230;“</p>
<p>Der Alte grinste noch ein St&#252;ck breiter und entbl&#246;&#223;te rosiges Zahnfleisch. „In der Tat“, feixte er. „Wenn da noch Menschen s&#228;&#223;en, meinetwegen. Menschen, die angucken, was diese Scheissdinger aufzeichnen. Aber da sind nur Grossrechner. Die registrieren mich nicht. Meine Fresse wird nicht als Gesicht erkannt, denn ich bin in keiner d&#228;mlichen Datenbank als biometrisches Konstrukt gespeichert. Wenn ich so ein Ding runter hole, geschieht es aus dem Nichts – denn kein schei&#223; Radiochip steckt denen, dass ich direkt vor ihm stehe und es wie eine verfickte Schmei&#223;fliege platt schlage. Ich mach sie platt, sobald ich eine sehe, das kann ich dir sagen!“</p>
<p>Kevin schaute unwillk&#252;rlich auf seinen Unterarm und die kleine wei&#223;e Narbe, wo der Beamte die silberne Hohlnadel angesetzt hatte. Er war sieben gewesen, und er hatte nichts davon gesp&#252;rt. Die Nadel bet&#228;ubte beim Eindringen die Nerven, danach kam ein Pflaster drauf und zwei Tage sp&#228;ter sah man kaum noch etwas davon. War der Chip einmal drinnen, konnte er von au&#223;en programmiert werden.</p>
<p>„Hm“, machte Diogenes. „In der Tat: dich hat das Schei&#223;ding nat&#252;rlich registriert. Aber du bist streng genommen schon jetzt ein Renegat.“<br />
„Ein was?“<br />
„Renegat. Der. Mehrzahl: die Renegaten. Aus dem Lateinischen f&#252;r: vom rechten Glauben Abgekommener, ein Abtr&#252;nniger.“</p>
<p>Kevin starrte diesen komischen Faltengnom an, der ihn angrinste. Von was redete dieser seltsame Mann in seiner Schaffell-Jacke, die sichtlich selbst zusammen gen&#228;ht war? Wahrscheinlich mit den Sehnen des Tieres oder zusammen gedrehtem Darm. Ein <em>Robinson Crusoe</em> in K&#246;ln, ein <em>Freak</em> mit paranoiden Wahnvorstellungen. „Wieso Renegat, was glauben Sie denn, wo wir leben? Im Mittelalter?“<br />
<span> </span></p>
<p><em>Lesen Sie auch in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Norman Liebolds Novelle! </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 10</title>
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		<pubDate>Wed, 24 Jun 2009 15:50:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presseartikel]]></category>
		<category><![CDATA[Navigator]]></category>
		<category><![CDATA[NRhZ]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Veröffentlichung]]></category>

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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 10 Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13944" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009 &#8211; Originalartikel ansehen</a></small></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 10</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben – die Redaktion.<span id="more-1069"></span><!--more--></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ, <a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13903" target="_blank">Ausgabe 202</a>. </em></p>
<h2>6. Kapitel</h2>
<p>Es war nicht sehr ger&#228;umig im Inneren des Fasses, aber es war warm und in einer Weise eingerichtet, dass Kevin sich sofort wohl f&#252;hlte. Eng und bis unter die Rundung des Daches mit allen m&#246;glichen und unm&#246;glichen Dingen vollgestopft. Auf einer Seite mit einem schweren Polstersessel davor der Ofen, hinter dessen breiter Glasscheibe das Feuer rotorange z&#252;ngelte. B&#252;ndel mit getrockneten Kr&#228;utern hingen von oben herab, und &#252;berall standen, lagen und stapelten sich B&#252;cher. In Regalen, die der Rundung der Fassdauben folgten, auf einem h&#246;lzernen Tisch unter dem Fenster, aufgeschlagen auf der Lehne des Sessels. Kein eBook-Reader weit und breit, richtige B&#252;cher. Kevins Finger strichen fast z&#228;rtlich &#252;ber den br&#252;chigen Lederr&#252;cken eines dicken Buches, das neben ihm auf einem Bord zwischen staubigen Weinflaschen stand. Don Quijote.</p>
<p>„Setz dich“, sagte der Alte und deutete auf einen der beiden St&#252;hle am Tisch. „Ich mach den Tee. Holunderbl&#252;ten und Brennessel mit ein wenig Salbei.“ Kevin nickte. Das sagte ihm zwar nichts, aber es war ihm auf eine wohlige Weise gleichg&#252;ltig. Er setzte sich an den Tisch und schaute durch das Fenster nach drau&#223;en, &#252;ber den Garten und den G&#252;rtel aus Gr&#252;n, der diese Lichtung vor Blicken sch&#252;tzte. Er sp&#252;rte die W&#228;rme, die vom Ofen ausstrahlte und h&#246;rte den Alten in Schr&#228;nken rumoren. Wenig sp&#228;ter standen zwei Tassen und eine dampfende Kanne auf dem Tisch.</p>
<p>Der Alte wirkte mit all seinen Runzeln unendlich gelassen. Er hatte tausende winzige F&#228;ltchen neben den hell leuchtenden blauen Augen, und die Winkel seines Mundes, so eingefallen zahnlos er auch sein mochte, wandten sich nach oben. Er war zufrieden mit sich, das konnte man sehen, und der Wutausbruch beim Anblick des Busses wirkte dadurch um so krasser. Kevin trank einen Schluck Tee. Er wunderte sich, dass er nicht &#252;berlief vor lauter Fragen, sondern diese schlichte Ruhe f&#252;hlte.</p>
<p>Vor dem Fenster hing pl&#246;tzlich eine Drohne.</p>
<p>Sie wirkte wie eine &#252;berdimensionale Libelle, und ihr Kopf war eine Kamera. Sie schwebte &#252;ber dem Blumenkasten und glotzte zu ihnen herein. Der Alte bewegte sich erschreckend schnell: Mit der einen Hand riss er das Fenster auf, mit der Anderen griff er ein schweres Buch vom Tisch. Die Drohne versuchte im letzten Moment auszuweichen, aber das Buch war schneller: Es fuhr herab, ein metallisches Knirschen und Splittern, das Jaulen eines zerst&#246;rten Elektromotors. Als das Buch sich hob, lag nur eine Handvoll Plastikschrott im Blumenkasten. Die Kamera surrte noch.</p>
<p>„Sie haben &#8230;“ stammelte Kevin. „Das war eine Polizeidrohne!“</p>
<p>„Richtig“, entgegnete der Alte. Er griff an das hintere Ende der Kamera und brach ein fingernagelgro&#223;es K&#228;stchen ab, ehe er die Drohnenreste in die hohle Hand sammelte, hin&#252;ber zum Ofen ging, die T&#252;r &#246;ffnete und sie hinein warf. „Verdammte kleine Schei&#223;teile!“</p>
<p>„Das ist strafbar!“</p>
<p>Der Alte zuckte mit den Schultern, schloss das Fenster und setzte sich wieder an den Tisch. „Ich existiere noch nicht einmal“, grinste er Kevin an. „Was juckt mich also, was strafbar ist und was nicht?“ Er schl&#252;rfte laut von seinem Tee. „Wir sind hier im Lande Nirgendwo und ich bin Herr Niemand, verstehst du?“ Der Alte schielte &#252;ber seine Tasse, und ihm blitzte der Schalk in den Augen. V&#246;llig unerwartet stie&#223; er ein meckerndes Lachen aus und wirkte wie ein seltsamer Gnom. „Neeee, verstehste nich. Kannste auch nich verstehn. Wie solltste auch?“</p>
<p>Er stand auf und trat zu einem Bord mit Flaschen. Er holte eine herunter, stellte zwei kleine Becher vor Kevin hin und schenkte ein. „Selbstgebrannter. Den brauchst du jetzt, denke ich.“ Er dr&#252;ckte Kevin den gef&#252;llten Becher in die Hand. Er roch nach Rauch und Wind. „Schau nicht so bl&#246;d, runter damit!“ Der Alte kippte den Becher und schmatzte mit faltigen Lippen. Kevin tat es ihm nach. Die Fl&#252;ssigkeit lief wie Feuer seine Kehle hinunter, in seinem Magen explodierte Hitze und breitete sich aus. Sein Mund schmeckte nach dem Rauch eines Feuers, das irgendwo in den Bergen brannte mit schnell ziehenden, dunklen Wolken dar&#252;ber.</p>
<p>„Du bist aus der Welt gefallen, Junge“, sagte der Alte.</p>
<p>„Wie meinen Sie das?“ Kevins Stimme war ein wenig heiser. Das mulmige Gef&#252;hl, das etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, meldete sich mit einem Schlag zur&#252;ck, ihm wurde flau im Magen, seine Kehle trocken. Er hatte bei dem Alten fast die Verwirrung vergessen, als er pl&#246;tzlich durch Stra&#223;en fuhr, wie es sie nicht geben durfte. Jetzt dr&#252;ckte es ihm wieder den Hals zu, die Brust wurde ihm so eng, dass er nicht richtig atmen konnte. „Nun sagen Sie schon, was meinen Sie damit?“</p>
<p>Der Alte drehte sich um und &#246;ffnete eine Truhe mit Stahlb&#228;ndern, die geradewegs aus dem Mittelalter zu kommen schien. Es h&#228;tte keinen unpassenderen Ort f&#252;r das geben k&#246;nnen, was er heraus holte: einen Computer, wie er vor Jahren modern gewesen sein mochte. Ein handgro&#223;er Touchscreen, nicht dicker als anderthalb Zentimeter. Auf Knopfdruck glomm der Bildschirm auf, die Finger des Alten glitten durch die Men&#252;s. Kurz darauf erschien K&#246;ln, von oben gesehen. Ein Satelliten-Bild, auf dem die Stra&#223;ennamen eingeblendet waren. Eine Bewegung des Zeigefingers, und das Bild zoomte heran. „Schau es dir an.“</p>
<p>Kevin schaute. Das Bild war ihm vertraut, das Bild war jedem vertraut in seinen Tagen. Es gab keine wei&#223;en Flecken mehr auf den Karten. Wenn man wollte, konnte man Steine z&#228;hlen in der Antarktis, und wenn man keine fand, eben Eisb&#228;ren. „Ja, und?“ fragte er den Alten und trank einen Schluck Tee.</p>
<p>„Wo sind wir, was meinst du?“<br />
Kevin zuckte mit den Schultern. Er zog den Computer zu sich hin. „Wie hei&#223;t denn die Stra&#223;e hier?“</p>
<p>Der Greis grinste und kramte erneut in seiner Truhe. Er holte ein zerfleddertes Buch heraus. Der R&#252;cken fehlte, der Einband begann sich bereits aufzul&#246;sen. „ADAC“ konnte Kevin die vier gro&#223;en Buchstaben gerade noch entziffern. Nach einigem Bl&#228;ttern legte der Alte das Buch aufgeschlagen neben den Bildschirm. Es war ein Karte in Buchform, ein Stadtplan, wie wir Heutigen es nennen w&#252;rden, genauer: Ein ADAC-Atlas von 2008, aufgeschlagen auf der Doppelseite mit K&#246;ln. Kevin hatte so etwas noch nicht gesehen, die Karten und Satellitenbilder, auf die man mit Handy und Computern zugriff, waren genauer, bequemer und funktionaler und hatten gedruckte Karten l&#228;ngst vollst&#228;ndig verdr&#228;ngt.</p>
<p>Der Alte tippte auf eine Stelle im Stadtplan. „Es hat sich seit 2008 das eine oder andere ver&#228;ndert, aber erkennbar ist es allemal“, sagte er. Dort, wo der knochige Finger auf das Papier zeigte, konnte Kevin die fl&#228;chigen Rechtecke gro&#223;er Geb&#228;ude erkennen. Offenbar das Industriegel&#228;nde, als die Geb&#228;ude noch standen. Da floss der kleine Bach schnurgerade hindurch. Er schaute auf den Bildschirm des Computers und orientierte sich. Da war der Rhein, hier das Stadtzentrum mit Dom und das Schienengewirr des Hauptbahnhofs. Hier die gro&#223;e Hauptstra&#223;e, der Ring, die Autobahn.</p>
<p>Er stutzte. Schaute zum Atlas, wieder zur&#252;ck.<br />
Die beiden Karten unterschieden sich.</p>
<p>Nicht, was den einen oder anderen Stra&#223;ennamen anging, oder einen Friedhof, der zum Wohnviertel geworden war.<br />
Nein, hier fehlte ein St&#252;ck.</p>
<p>Er zoomte heran, brachte den Ma&#223;stab von Karte und Satellitenbild &#252;berein, schaute fragend in das faltige Gesicht ihm gegen&#252;ber, das ihn aufmerksam musterte. Verglich wieder.</p>
<p>Das Gebiet musste gut zwei Kilometer breit und mehr als vier lang sein. Ein komplettes Viertel. Er sah den Bach, an dem der Alte geangelt hatte, konnte seine schnurgerade blaue Linie durch die rechteckigen Fl&#228;chen der Fabrikhallen nachverfolgen. Er hatte den Bach auf dem Satellitenbild gefunden. Er schl&#228;ngelte sich hier lang und dort lang, aber er wurde nicht schnurgerade, und er zog sich nicht durch braches Land mit den Resten riesiger Fundamente. Er sah keine H&#228;userblocks mit l&#246;chrigen Stra&#223;en dazwischen. Er schaute aus dem Fenster. Allein der Garten des Alten h&#228;tte auf dem Bild deutlich erkennbar sein m&#252;ssen, auf dem sogar einzeln parkende Autos gut zu unterscheiden waren. In diese kreisrunde Lichtung hier h&#228;tte man drei&#223;ig Autos hintereinander stellen k&#246;nnen. </p>
<p><em>Lesen Sie auch in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Norman Liebolds Novelle! </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 9</title>
		<link>http://presse.norman-liebold.de/2009/06/17/eine-gesellschaftskritische-zukunftsnovelle-in-fortsetzung-teil-9/?utm_source=rss&#038;utm_medium=rss&#038;utm_campaign=eine-gesellschaftskritische-zukunftsnovelle-in-fortsetzung-teil-9</link>
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		<pubDate>Wed, 17 Jun 2009 15:50:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presseartikel]]></category>
		<category><![CDATA[Navigator]]></category>
		<category><![CDATA[NRhZ]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Veröffentlichung]]></category>

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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 9 Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13903" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009 &#8211; Originalartikel ansehen</a></small></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 9</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben – die Redaktion.<span id="more-1068"></span><!--more--></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ, <a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13883" target="_blank">Ausgabe 201</a>. </em></p>
<h2><strong>5. Kapitel (Fortsetzung)<br />
</strong></h2>
<p><span>Der Alte wirkte nicht, als w&#252;sste er etwas von B&#252;ros in Glas- und Stahl-Wolkenkratzern. Oder sollte er fragen, wie er <em>nach Hause</em> kam? Der Gedanke an seine Wohnung f&#252;hlte sich nicht an wie <em>zu Hause</em>. Seit die Stimme Sandras vom Blitz zum Schweigen gebracht worden war und nicht st&#228;ndig das Handy klingelte oder eine Nachricht &#252;ber den Messenger kam, f&#252;hlt er sich v&#246;llig allein. Er stand in dieser verdrehten, fremden Welt, und es gab niemanden, der da war. Selbst wenn sein Handy funktionieren w&#252;rde, hatte keine Ahnung, wen er anrufen sollte, damit dieses Gef&#252;hl in seiner Brust aufh&#246;rte, das ihn zerriss. Nat&#252;rlich, er konnte einen Pannendienst anrufen, der seinen Wagen und das Navi wieder reparieren w&#252;rde. Aber k&#246;nnte er einen Menschen anrufen, der herkommen w&#252;rde, um ihm zu helfen? Oder auch nur, um da zu sein, ihm irgendwie das Gef&#252;hl zu geben, dass er nicht allein war hier drau&#223;en? Einen – Kevin kroch ein &#228;u&#223;erst elendes Gef&#252;hl den R&#252;cken hinauf, als er das Wort in Gedanken formulierte – <em>Freund</em>? Er dachte an die nichtssagenden Floskeln, die er &#252;ber die Messenger ausgetauscht hatte. Daran, dass man zwar st&#228;ndig das Telefon am Ohr hatte, Nachrichten schickte, in tausendundeinem virtuellen Netzwerk das Gef&#252;hl hatte, nicht allein zu sein und viele Menschen zu kennen. Aber jetzt, hier auf der Br&#252;cke mit diesem unwahrscheinlichen Greis in Fell und Schlapphut und einem Korb mit Fischen in der Hand, wurde ihm bewusst, dass er niemanden hatte, zu dem er konnte oder der zu ihm kommen w&#252;rde. </span></p>
<p><span>„Wie du was?“ h&#246;rte er die Stimme des Alten.</span></p>
<p><span>Kevin f&#252;hlte sich seltsam, als er sich sagen h&#246;rte: „Ich wei&#223; es nicht. Ich wollte Sie fragen, ob Sie mir den Weg beschreiben k&#246;nnen. Aber ich wei&#223; nicht, wohin.“ Ein wirres, verzweifeltes Gef&#252;hl kroch von Kevins Magengrube in die Brust. „Ich wei&#223; noch nicht einmal, wo ich bin und was das f&#252;r eine Welt ist.“</span></p>
<p><span>Der Alte nickte nur und deutete auf den Wagen. „Wir fahren besser. Wenn du die Karre hier stehen l&#228;sst, ist morgen nur noch die Karosse &#252;brig.“ Er ging zur Beifahrert&#252;r und setzte sich hinein. Kevin stieg hinter das Steuer und stellte den nassen Weidenkorb mit den Fischen auf die R&#252;ckbank. Es hatte immer noch etwas besonderes, den Wagen mit dem Z&#252;ndschl&#252;ssel zu starten.</span></p>
<p><span>„Sieht nicht aus, als ob du einen Unfall hattest“, sagte der Alte. Er deutete auf eine Auffahrt, die direkt hinter der Br&#252;cke auf die Stra&#223;e m&#252;ndete. Der Asphalt war zerbr&#246;ckelt und Kraut und kleinere B&#252;sche wuchsen aus den Rissen. Vorsichtig fuhr Kevin hinein. Die fast zugewachsene Stra&#223;e f&#252;hrte parallel zum Bach in das Brachland. Er musste aufpassen und um die Schlagl&#246;cher herum man&#246;vrieren.</span></p>
<p><span>„Wieso Unfall?“</span></p>
<p><span>„Du f&#228;hrst den Wagen von Hand. Und du bist es nicht gewohnt. Der Computer hat den Arsch zu gemacht? Was war es? Ein Virus? Ich hab geh&#246;rt, dass <em>Attac</em> einen Guten programmiert hat.“</span></p>
<p><span>„Ein Blitz.“</span><br />
<span>„Ein Blitz?“</span><br />
<span>„Auf der Autobahn.“</span></p>
<p><span>Der Alte lachte, ein tiefes, angenehmes Lachen. „Das ist gut! Vom Blitz getroffen!“ Er deutete voraus. „Da vorn den kleinen Weg rein.“ Irgendwann war es wohl einmal eine Gasse zwischen zwei Lagerhallen gewesen, die Fundamente waren graue Fl&#228;chen aus zersprungenem Beton. Pl&#246;tzlich fuhr der Alte im Sitz herum und starrte nach hinten heraus. „Da! Schau es dir an!“ knurrte er und die Gelassenheit war aus dem Faltengewirr seines Gesichtes gewichen. Er brodelte vor unterdr&#252;ckter Wut. Im R&#252;ckspiegel sah Kevin eine Art Bus die Br&#252;cke &#252;berqueren. Er drehte sich um. Der Bus war zum Bersten mit Leuten gef&#252;llt, Leute wie die, die ihn angegriffen hatten. Sie wirkten m&#252;de. Mit leerem Blick hielten sie sich an den Haltestangen fest und starrten vor sich hin.</span></p>
<p><span>„Wohin fahren sie?“ fragte Kevin. </span></p>
<p><span>„Hierhin. Dorthin. Die meisten wissen es vorher nicht. Meistens in Fabriken, Lagerhallen. Sie kriegen am Tag vorher eine Nachricht, welcher Bus sie aufsammelt.“ Das Gef&#228;hrt war &#252;ber die Br&#252;cke und in eine Seitenstra&#223;e eingebogen. Die Bremslichter gl&#252;hten auf, und etliche Leute stiegen ein, die Schultern hochgezogen. Es hatte etwas unsagbar Trostloses, ohne dass Kevin h&#228;tte sagen k&#246;nnen, warum genau er das empfand.</p>
<div class="image_textfluss_left"><img src="http://www.nrhz.de/flyer/media/13903/navigator5_Diogenes.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Novelle von Norman Liebold, Illustration: Bj&#246;rn „The Hoink” Zutt   " width="240" height="349" /><br />
[<span class="text_small"><span><em>Illustration: Bj&#246;rn „The Hoink” Zutt]</em></span></span></div>
<div class="image_textfluss_left"><span class="text_small"><span><br />
</span></span></div>
<p>Der Alte drehte sich im Sitz um und schaute ihn mit hellen Augen an. „Du hast keine Ahnung“, sagte er, „wie diese Welt wirklich aussieht.“ Ihm lag mehr auf der Zunge. Viel mehr. Vielleicht war es zuviel – er saugte heftig an seiner Pfeife und warf die H&#228;nde in die Luft, ehe er ein Schnaufen von sich gab und nach vorn zeigte. „Da dr&#252;ben kannst du dein Auto abstellen.“</span></p>
<p><span>Direkt voraus war eines der kleinen W&#228;ldchen aus jungen Birken, Pappeln und Weidenb&#252;schen. Vielleicht war hier eine Rasenfl&#228;che gewesen, als die Geb&#228;ude noch standen, und die B&#228;ume hatten nicht erst Stein, Stahl und Beton brechen m&#252;ssen, ehe sie wurzeln konnten. Sie waren vier, f&#252;nf Meter hoch gewachsen und standen so dicht, dass es wie eine gr&#252;ne Wand wirkte. Kevin stellte den Wagen ab und griff sich den Fischkorb vom R&#252;cksitz. Die Beifahrert&#252;r klappte, und er h&#246;rte die Stimme des Alten: „Hier lang.“</span></p>
<p><span>Von der zerborstenen, &#252;berwucherten Asphaltdecke des Weges f&#252;hrte ein Trampelpfad zwischen den B&#228;ume hindurch. Es war, als ginge man durch einen Tunnel. Dann &#246;ffnete sich der Baumbestand, und Kevin schaute auf eine freie Fl&#228;che von gut hundert Metern im Durchmesser, ringsum von dicht wachsenden B&#228;umen umgeben wie von einer hohen Hecke. An der einen Seite stand etwas, das Kevin nur in dem einen oder anderen Film gesehen hatte, und das wir Heutigen vielleicht <em>Zirkuswagen </em>nennen w&#252;rden. Ein riesiges Fass auf gro&#223;en Holzr&#228;dern, in das man Fenster hineingesetzt hatte. Es war bunt bemalt mit Ornamenten aus Tieren und bl&#252;henden Ranken, an der Seite ragte schwarz ein Ofenrohr heraus, aus dem Rauch stieg. </span></p>
<p><span>Das rollende Fass mochte gut und gerne sechs Meter in der L&#228;nge und zweieinhalb im Durchmesser messen, davor standen zwei Korbst&#252;hle und ein Tisch, ebenfalls aus Korb geflochten. Am erstaunlichsten aber war, dass die ganze Lichtung ein gro&#223;er, wohl bestellter Garten war. Kevin h&#228;tte nicht benennen k&#246;nnen, was da alles &#252;ber dunkler Erde stand und wuchs. Er konnte sich noch nicht einmal vorstellen, dass Tomaten an einem Strauch wuchsen, dass man Kartoffeln in die Erde steckte und im Herbst f&#252;r jede, die man hinein gesteckt hatte, ein Dutzend wieder heraus grub. </span></p>
<p><span>Er sah auf Stroh gebettet Zucchini und K&#252;rbisse unter ihren gro&#223;en Bl&#228;ttern liegen, Kohlk&#246;pfe in langen Reihen stehen wie angewachsene B&#228;lle in Violett und Blassgr&#252;n. Brusthoch stand der Rosenkohl, in einem Gew&#228;chshaus hingen noch Tomaten am Stengel. Gleich neben dem Wagen wuchs Lavendel und Minze, Oregano, Salbei und Thymian, Rosmarin und, in einer gesch&#252;tzte Ecke, Basilikum. Etliche der Beete waren frisch umgegraben, im Sommer h&#228;tte Kevin hier Weizen und Gerste sehen k&#246;nnen, Hafer und Mais. Ein Teil der Lichtung war Wiese, mit einem Kn&#252;ppelzaun abgetrennt. Drei Schafe standen darauf und zwei Ziegen. Und hinter dem Zirkuswagen stand mit kleinem Dach dar&#252;ber ein kleiner Kaninchenstall und ein winziger Schuppen, vor dem Federn lagen.</span></p>
<p><span>„Mein kleines Reich“, erkl&#228;rte der Alte, und in seiner Stimme schwang Stolz mit. Mit z&#252;gigem Schritt lief er durch seinen Garten, und Kevin folgte ihm, den Korb mit den Fischen in der Hand. Eine kleine Treppe mit drei Stufen f&#252;hrte zur Eingangst&#252;r im Boden des Fasses. Ein T&#252;rklopfer aus Bronze hing daran, rechts und links waren zwei winzige Fenster mit ebenso winzigen Blumenk&#228;sten davor. </span></p>
<p><span>&#220;ber den Himmel zog ein weiterer Pfeil Kraniche, und so verwirrend und seltsam das alles f&#252;r Kevin war, in seinem Gef&#252;hl stellte sich eine gewisse Selbstverst&#228;ndlichkeit ein. Der Alte und sein seltsamer Wagen, das mit Liebe bemalte Holz, der sorgf&#228;ltig angelegte Garten, all das hatte etwas friedvoll in sich Ruhendes, Starkes. Der Alte zog einen Schl&#252;ssel aus Eisen hervor und steckte ihn in das Schloss der T&#252;r. </span> <span> </span></p>
<p><em>Lesen Sie auch in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Norman Liebolds Novelle! </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Premiere f&#252;r alle Beteiligten</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Jun 2009 18:16:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presseartikel]]></category>
		<category><![CDATA[Extrablatt]]></category>
		<category><![CDATA[Much]]></category>
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		<category><![CDATA[Schulprojekt]]></category>
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		<description><![CDATA[Extrablatt vom 10.06.2009 Premiere f&#252;r alle Beteiligten &#8220;Lebendige Literatur im Unterricht&#8221; f&#252;r alle Abschlusskl&#228;ssler View at Picasa Extrablatt vom 10.06.200906-Sep-2008 19:44, PENTAX PENTAX K-m , 5.6, 55.0mm, 0.017 sec, ISO 1600 Much (am). Die Sch&#252;ler der drei Klassen des 10. Schuljahres der Realschule haben alle Abschlussarbeiten bew&#228;ltigt. Ihre Tage an der vertrauten Lernst&#228;tte sind also [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="right"><small>Extrablatt vom 10.06.2009</small></p>
<h1>Premiere f&#252;r alle Beteiligten</h1>
<h3>&#8220;Lebendige Literatur im Unterricht&#8221; f&#252;r alle Abschlusskl&#228;ssler</h3>
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<p>Extrablatt vom 10.06.2009<span class="shashinCaptionExif">06-Sep-2008 19:44, PENTAX              PENTAX K-m         , 5.6, 55.0mm, 0.017 sec, ISO 1600</span></div>
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</td>
</tr>
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</div>
<p><strong>Much (am).</strong> Die Sch&#252;ler der drei Klassen des 10. Schuljahres der Realschule haben alle Abschlussarbeiten bew&#228;ltigt. Ihre Tage an der vertrauten Lernst&#228;tte sind also gez&#228;hlt. Um ihnen daf&#252;r noch etwas Besonderes und Interessantes zu bieten wurde mit Norman LIebold (32) ein Schulprojekt entwickelt. Grundlage daf&#252;r ist dessen j&#252;ngstes Werk, die Novelle &#8220;Navigator&#8221;. Begeistert von der Idee waren auch die Deutschlehrerinnen Ulrike Dicke, Brunhilde M&#252;ller und Gudrun Schilling. Sie beteiligten sich auch an der Ausarbeitung des inhaltlichen und thematischen Vorgehens. &#8220;Wegen meines fr&#252;heren eigenen Interesses am Schuldienst freue ich mich &#252;ber diese Premiere auch f&#252;r mich besonders&#8221;, so der in Niederpleis wohnhafte Schriftsteller. Die Science-Fiction-Plastikwelt passt gut in die Vorstellungswelt der jungen Zuh&#246;rer. Harz IV [sic! Hartz IV], Finanzkriese und mehr verbinden sich mit einer witzigen Story. Die wurde von Norman Liebold mit unverkennbar schauspielerischem Talent &#8220;angelesen&#8221;, in einer Fragerunde danach die Erwartungshaltung erfragt und im weiteren Verlauf dieses Wochenprojektes Arbeitsgruppen gebildet. In ihnen wurden die &#8220;technischen, sozialen und literarischen&#8221; Aspekte dieser Utopie herausgearbeitet. Interessant f&#252;r Autor wie f&#252;r die Sch&#252;ler war wohl die erlebbare Meinungs- und Ideenvielfalt. Das Projekt, auch als &#220;berbr&#252;ckung zwischen Abschluss aller Arbeiten und dem Ende der Realschulzeit, geriet nicht nur interessant und unterhaltsam, sondern verhalf hier und da auch noch zu einer Notenverbesserung. Bei der &#246;ffentlichen Abschlussveranstaltung mit dem Duo &#8220;WortAnKlang&#8221; konnten sich auch die Eltern und andere Interessierte ein Bild machen, wie lebendig und interessant Literatur sein kann.</p>
<p>Bildunterschrift: &#8220;Locker vom Hocker&#8221;, so fand in der Aula im Schulzentrum Norman Liebold den Einstieg in seine interessante Science-Fiction.Novelle vom &#8220;Navigator&#8221;. Foto: M&#252;ller</p>
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		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 8</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Jun 2009 15:49:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presseartikel]]></category>
		<category><![CDATA[Navigator]]></category>
		<category><![CDATA[NRhZ]]></category>
		<category><![CDATA[Rezension]]></category>
		<category><![CDATA[Veröffentlichung]]></category>

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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 8 Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13883"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13830" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009</a> &#8211; <a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13754" target="_blank">Originalartikel ansehen</a></small></a></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 8</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben – die Redaktion.<span id="more-1067"></span></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ, </em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13824" target="_blank"><em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13830" target="_blank">Ausgabe 200</a>.</em></a><em> </em></p>
<h2><strong>5. Kapitel<br />
</strong></h2>
<p><span>Er bog um eine scharfe Kurve, und vor ihm &#246;ffnete sich eine weite Fl&#228;che. Zerbrochene Betonfl&#228;chen zeigten, wo Lagerhallen gestanden haben mussten. Str&#228;ucher und junge B&#228;ume wurzelten in Rissen und Spalten. An einigen Stellen waren sie zu kleinen W&#228;ldchen aufgeschossen. Mitten durch das Gebiet, das sich – wahrscheinlich ein altes Industriegel&#228;nde – gut und gerne acht- bis neunhundert Meter erstreckte, lief ein Bach. Wie mit der Schnur gezogen floss er durch ein l&#228;ngst zerborstenes Betonbett, die Weiden an seinem Rand waren schon stattliche B&#228;ume. Wo er die Stra&#223;e kreuzte, w&#246;lbte sich eine Br&#252;cke, und auf der Br&#252;stung der Br&#252;cke sa&#223; ein Mann mit &#252;bergeschlagenen Beinen und angelte. </span></p>
<p><span> Das Gef&#252;hl, aus Versehen in eine fremde Welt katapultiert worden zu sein, verst&#228;rkte sich noch etwas mehr. Die Leute, die ihn angegriffen hatten, sie waren fremd gewesen, erschreckend – aber wenn er den Gedanken zulie&#223;, dass es in seiner Welt doch Armut gab und Arbeitslosigkeit, dann k&#246;nnten sie vielleicht so aussehen. Dieser Mann hier hatte mit seiner Welt gar nichts mehr zu tun. Er trug ein Schaffell als Jacke, die Beine steckten in einer geschn&#252;rten Lederhose. Auf dem Kopf sa&#223; ein gigantischer Filzhut, zerknautscht, verbeult mit riesiger Krempe, und darunter stieg der Rauch einer Pfeife hervor. Schlohwei&#223;e Haare flossen bis &#252;ber seine Schultern hinab. Ein paar Jahrhunderte zur&#252;ck, an einem einsamen See oder Flussufer, da h&#228;tte die Gestalt vielleicht gepasst.</p>
<p>Aber hier, auf dieser zerbr&#246;ckelnden Betonbr&#252;stung mitten in der Stadt, zumal in diesem Albtraum von einer Stadt, das wirkte mehr als nur fremdartig, es war surreal. Vor allem, weil dieser Mann etwas ausstrahlte, das Kevin nicht erfassen konnte, was ihm in einer nur schwer zu beschreibenden Weise fremd war und unbegreiflich. Es war eine gelassene Ruhe, die einfach da sa&#223;, &#252;ber den Bach schaute und wahrscheinlich noch nicht einmal etwas dachte. Es war ein Bild, das Frieden ausstrahlte. Ein Bild, das die Angst in Kevin etwas bes&#228;nftigte und zugleich eine eigenartige Sehnsucht wach rief.</span></p>
<p><span>Niemand war hier zu sehen bis auf den Mann, und durch die weite Fl&#228;che des abgerissenen Industriegel&#228;ndes konnte Kevin die Stra&#223;en weit &#252;berblicken. Er hielt den Wagen auf der Br&#252;cke an und stieg aus. Er schloss die T&#252;r absichtlich etwas ger&#228;uschvoller, um sich bemerkbar zu machen, aber der Angler drehte sich nicht um. </span></p>
<p><span>Kevin trat neben ihn an die Br&#252;stung. Er hatte keine Ahnung, wie er ihn ansprechen sollte, ihm standen noch nicht einmal solche Floskeln wie „Sch&#246;nes Wetter heute“ oder ein nonchalant hingeworfenes „Petri Heil“ zur Verf&#252;gung. So stellte er sich einfach hin und schaute &#252;ber die weite Fl&#228;che mit den B&#252;schen und B&#228;umen und den hier und da aufragenden Mauerresten, die etwas von Felsen in karger Landschaft hatten. Und etwas in Kevin wurde ruhig. Er stand und schaute und dachte nichts. Der Wind zauste in seinen Haaren, Regentropfen trafen k&#252;hl sein Gesicht, und ringsum war es g&#228;nzlich still. Mit einer gewissen Scheu schaute er auf den Mann neben sich. </span></p>
<p><span></p>
<div class="image_textfluss"><img src="http://www.nrhz.de/flyer/media/13883/navigator5_Diogenes_hoink.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Norman Liebold Illustration: Bj&#246;rn „The Hoink” Zutt  " width="240" height="316" /><br />
<span class="text_small">Illustration: Bj&#246;rn „The Hoink” Zutt</span></div>
<div class="image_textfluss"><span class="text_small"><br />
</span></div>
<p>Unter der breiten Krempe des Filzhutes lag das &#228;lteste Gesicht, das Kevin jemals gesehen hatte. Es war verschrumpelt wie ein Bratapfel, der Mund zahnlos eingefallen. Aber aus der zerknitterten Landschaft schauten leuchtend hell und wasserblau zwei unglaublich wache und frische Augen heraus. Im faltigen Mundwinkel hing eine Pfeife, aus der ab und zu ein W&#246;lkchen stieg. Der Alte schaute &#252;ber Bach und Gel&#228;nde hinweg zum Horizont, seine H&#228;nde lagen ruhig um den Schaft seiner Angel. Er wirkte, als w&#252;rde er lauschen.</p>
<p>Kevin lauschte ebenfalls, und tats&#228;chlich, kaum wahrnehmbar im Ger&#228;usch des Windes, war etwas wie ein Schreien oder Rufen, weit oben, in den Wolken. Kevin war sich nicht sicher, ob er es sich einbildete, aber es wurde lauter, und als er nach oben schaute, sah er sie: In gro&#223;er Pfeilformation zogen V&#246;gel &#252;ber den Himmel. Der Alte l&#228;chelte und nickte. „Na endlich“, murmelte er mit tiefer, knarziger Stimme am Mundst&#252;ck der Pfeife vorbei. „Die Kraniche. Wurde auch Zeit.“ Er drehte den Kopf und schaute Kevin an. Er l&#228;chelte nicht. Und er verzog auch sonst keine Miene. Er schaute ihm einfach in die Augen, dann, mit aller Gelassenheit der Welt, lie&#223; er seinen Blick an ihm hoch und wieder hinunter wandern. Er lie&#223; sich Zeit, er sagte nichts, er schaute nur. Dann nahm er die Pfeife aus dem Mund. „Falsch abgebogen, wie?“ Er grinste.</span></p>
<p><span>Kevin wollte den Mund &#246;ffnen und dem Alten erkl&#228;ren, dass falsch abgebogen wohl kaum angemessen war, wenn man vom Blitz getroffen wird und v&#246;llig orientierungslos Stunden um Stunden durch einen Albtraum irrt und alles, was man von der Welt wusste, pl&#246;tzlich nicht mehr gilt. Aber die hellen, klaren Augen ihm gegen&#252;ber und das zahnlose L&#228;cheln, sie wussten das alles. Das und noch mehr. Irgendwie war er falsch abgebogen. Und es d&#228;mmerte ihm, das seine Welt ein schmaler Grat war, ein Grat, von dem man nicht eine Haaresbreite abkommen durfte, weil rechts und links das Grauen wohnte. Der Alte holte seine Angel ein, zerlegte sie langsam mit einer gewissen Z&#228;rtlichkeit und verstaute sie in einem K&#246;cher aus gr&#252;nem Segeltuch.</span></p>
<p><span>„Das reicht f&#252;r heute“, erkl&#228;rte er. Er knotete ein Seil von einem verbogenen St&#252;ck Metall, das aus dem Beton ragte, und begann, etwas herauf zu hieven. Er keuchte h&#246;rbar. Pl&#246;tzlich hielt er inne und schaute mit ger&#246;tetem Gesicht Kevin an. „Nun pack schon mit an!“ Er sch&#252;ttete mit dem Kopf, w&#228;hrend er weiter Hand &#252;ber Hand das Seil nach oben zog. Kevin brauchte einen Moment, er musste sich &#252;berwinden, er wusste nicht, wie er anpacken sollte. Als er schlie&#223;lich etwas unbeholfen nach dem Seil griff, war der Alte schon fast fertig.</p>
<p>Kevin f&#252;hlte sich auf eine seltsame Weise besch&#228;mt, er war noch nicht einmal auf den Gedanken gekommen, dem Greis zur Hand zu gehen, obwohl der sich sichtlich m&#252;hen musste. Ihm fiel auf, dass er so gut wie nie mit alten Menschen zu tun hatte. Seine Eltern waren in einem Seniorenpark, und er kam nur selten dorthin. Es machte ihm ein unangenehmes Gef&#252;hl, dieser aseptische Geruch, die Dauerberieslung aus den Lautsprechern, die apathischen Gesichter. Und ansonsten kannte er keine Alten. Er hatte nie dar&#252;ber nachgedacht. Jetzt, wo er Hand &#252;ber Hand das Seil einholte und gleich neben ihm die tausend Runzeln und F&#228;ltchen des alten Anglers waren, fragte er sich, wo die ganzen alten Menschen waren – jeder wurde doch schlie&#223;lich irgendwann alt. </span></p>
<p><span>Was wusste er &#252;berhaupt von dieser Welt?</span></p>
<p><span>Unter ihm am Seil schwang eine Art Korb hin und her, ein Kasten aus Weidengeflecht, in dem mehrere Fische wild hin und her schnellten und mit weit aufgerissenen M&#228;ulern nach Atem rangen und glotz&#228;ugig starrten. </span></p>
<p><span>Jeden Morgen war er in seinen Wagen gestiegen, hatte sich die immerselbe Strecke bis ins B&#252;ro bringen lassen. Nat&#252;rlich war er abends auch ausgegangen, nat&#252;rlich hatte er ab und zu Urlaub gemacht. Aber war das nicht auch in so engen Bahnen gewesen, ohne rechts und links? Er kannte ja noch nicht einmal die Strecke, die er seit vier Jahren tagt&#228;glich gefahren war, ein paar Hundert Meter vom gewohnten Gleis war er hilflos in eine fremde Welt geworfen.</span></p>
<p><span>Der Weidenkasten war oben, sie stellten ihn auf die Br&#252;stung. Der Alte wickelte einen Draht ab und &#246;ffnete eine Klappe. Er griff hinein, holte einen Fisch heraus und schlug ihn mit dem Kopf kurz und hart gegen den Beton. Mit den anderen Fischen verfuhr er genauso, legte sie in den Kasten zur&#252;ck und dr&#252;ckte ihn Kevin in die Hand. Dann schulterte er den K&#246;cher mit der Angel und deutete auf die weite, leere Fl&#228;che des abgerissenen Industriegel&#228;ndes hinaus. „Ich mach uns einen Tee“, erkl&#228;rte er. „Und dann den Fisch zurecht. Du isst doch Fisch?“ </span></p>
<p><span>Kevin nickte mit leichter &#220;belkeit. So seltsam das alles war, er war dem Alten dankbar, dass er die F&#252;hrung &#252;bernahm. Er war gestrandet in dieser Welt. Er r&#228;usperte sich und fragte: „K&#246;nnen Sie mir sagen, wie ich &#8230;“ </span></p>
<p><span>Er stockte. </span></p>
<p><span>Was sollte er sagen? Nichts wollte recht passen. Sollte er fragen, wie er zu den B&#252;ros der <em>European Bank</em> kam? </span></p>
<p><img src="http://www.nrhz.de/flyer/media/13883/diogenes_MartinWelzel.jpg" alt="Diogenes &quot;Navigator&quot; Norman Liebold  Illustration: Martin Welzel" width="440" height="303" /><br />
Illustration von <a href="http://www.virtuelle-galerie.de/martin-welzel" target="_blank">Martin Welzel.</a> Er war von der „Angelszene&#8221; (zu Anfang des Kapitels) so angetan, dass er dieses Aquarell anfertigte und uns freundlicherweise zur Verf&#252;gung stellte.</p>
<p><em>Lesen Sie auch in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Norman Liebolds Novelle! </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
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		<title>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 7</title>
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		<pubDate>Wed, 03 Jun 2009 10:29:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norman Liebold</dc:creator>
				<category><![CDATA[Presseartikel]]></category>
		<category><![CDATA[Navigator]]></category>
		<category><![CDATA[NRhZ]]></category>

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		<description><![CDATA[Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009 &#8211; Originalartikel ansehen Literatur Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 7 Navigator Von Norman Liebold „Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><small><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13830" target="_blank">Online-Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung vom 03.06.2009</a> &#8211; <a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13754" target="_blank">Originalartikel ansehen</a></small></p>
<p style="text-align: right;">Literatur</p>
<h2>Eine gesellschaftskritische Zukunftsnovelle in Fortsetzung – Teil 7</h2>
<h1>Navigator</h1>
<p style="text-align: right;">Von Norman Liebold</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-03.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; Kompass Windrose eine Novelle von Norman Liebold" hspace="10" width="240" height="274" align="left" /></p>
<p>„Navigator“ ist die Geschichte eines jungen Mannes etwa zu Mitte des 21. Jahrhunderts, der durch ein pl&#246;tzliches Ereignis von seinem vorgefertigten Weg abkommt und eine unerwartete Realit&#228;t um sich herum entdeckt – eine von ihm unerwartete: Es sind deutliche Tendenzen in der heutigen Gesellschaft absehbar. So bleibt zu hoffen, dass nicht alles, wie Liebold es in seiner „dystopischen Novelle“ beschreibt, am Ende so eintrifft. Denn, noch ist die Zukunft nicht geschrieben – die Redaktion.<span id="more-1050"></span><!--more--></p>
<p><em>Fortsetzung aus der NRhZ, </em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13754" target="_blank"><em></em></a><em><a href="http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13824" target="_blank">Ausgabe 199</a>. </em></p>
<h2><strong>4. Kapitel (Fortsetzung)<br />
</strong></h2>
<p><span>Mit einem weiteren Rumpeln und Metall-Kreischen rollte der Wagen weiter. Am Rand der Stra&#223;e hatten sich Leute versammelt, Leute in alten Klamotten, die nicht richtig passten und billig aussahen. Die M&#228;nner hatten die H&#228;nde tief in die Taschen gerammt, die Frauen die Arme vor der Brust verschr&#228;nkt. Sie sahen primitiv aus, die grobschl&#228;chtigen Gesichter waren in der &#220;berzahl. Kevin hatte noch nie so viele h&#228;ssliche Menschen auf einmal gesehen. Gesichter wie aus einem Klotz gehauen, die meisten aufgedunsen, fettleibig, kr&#228;nklich blass mit dunklen Schatten unter den Augen. Und wie sie angezogen waren! Das war mehr als schlechter Geschmack, Kevin ekelte sich geradezu: &#252;ber Pantoletten aus pinkem Kunststoff hautenge Leggins, die Fettw&#252;lste in absonderlichste Beulen quetschten. Dar&#252;ber viel zu weite Pullover und im grell geschminkten Maul mit mehr L&#252;cken als Z&#228;hnen: Zigaretten kleben. <em>Karikaturen</em>, dachte Kevin. <em>Das k&#246;nnen nur v&#246;llig &#252;bertriebene Karikaturen sein!</em></span></p>
<p><span>Die Karikaturen am Stra&#223;enrand wurden immer mehr. Sie – Kevin kam das Wort in den Kopf – <em>rotteten sich</em>. Die Art, wie sie die K&#246;pfe leicht zwischen die Schultern gezogen hatten und in seine Richtung starrten, sie war – so krass, so seltsam, so absto&#223;end absurd sie auch sein mochte – <em>be&#228;ngstigend</em>. Bedrohlich. Sie starrten und rauchten. Starrten und rotteten sich. In Gruppen kamen sie vom Gehsteig auf die Stra&#223;e, w&#228;hrend Kevin nicht schneller als Schritt fahren konnte. Sie gingen neben ihm her, weitere stie&#223;en hinzu. Sie kamen wie Ratten aus ihren L&#246;chern. In Leggins und ausgebeulten Jeans und alten Pullovern. Unrasiert, aufdringlich grell geschminkt. Mit L&#246;chern im Maul. Jetzt waren sie neben dem Auto.</span></p>
<p><span>Mit vor Hass verzerrtem Mund starrte ein Mann durch das Fenster. Ohne jede Vorwarnung schoss seine Hand nach vorn. Die Kn&#246;chel seiner Faust prallten gegen die Scheibe, ein dumpfes Ger&#228;usch, laut und brutal. Gleich darauf schlug ein anderer vorn gegen die Windschutzscheibe. Blechern knallte es gegen die T&#252;ren, auf das Dach.</span></p>
<p><span>Das musste ein Albtraum sein, etwas anderes war nicht denkbar!</span></p>
<p><span>Einer der M&#228;nner hatte pl&#246;tzlich eine Metallstange in der Hand, ein Brecheisen oder ein Stahlrohr. Kevin sah im R&#252;ckspiegel, wie er sie zum Schlag hob. Er gab Gas, die Schlagl&#246;cher waren egal. Der Wagen beschleunigte, ruckte nach vorn. Im Spiegel sah er, wie der Mann mit dem Brecheisen zuschlug. Ein heftiger Knall vom Kofferraum. Der Schlag h&#228;tte mit Sicherheit die Heckscheibe zertr&#252;mmert. Vor seinem inneren Auge sah Kevin sich von haarigen H&#228;nden gepackt und durch das zersplitterte Fenster gezerrt. Der Hass in den Augen w&#252;rde &#252;berlaufen und zu Tritten werden. Zu Schl&#228;gen. Er sah sich neben dem Wagen auf dem rissigen Asphalt liegen. Aus einer klaffenden Wunde in seinem Sch&#228;del pulste sein Leben heraus und f&#228;rbte das Wasser in den Schlagl&#246;chern rot.</span></p>
<p><img src="http://www.nrhz.de/flyer/media/13830/navigator_mob_hoink.jpg" alt="Zeichnung Comicstyle „Mob“ - Illustration: Bj&#246;rn „The Hoink” Zutt   " width="440" height="303" /><br />
<span><span class="text_small">Illustration: Bj&#246;rn „The Hoink” Zutt </span></span></p>
<p><span>Er raste die Stra&#223;e hinunter, die Leute blieben zur&#252;ck, schrieen und sch&#252;ttelten F&#228;uste. Noch zweimal knallten dumpf Steine gegen Scheibe und Blech. Der Wagen sprang und h&#252;pfte, ratterte und polterte. Einmal war ein Schlagloch so tief, dass er mit der Schnauze funkenspr&#252;hend aufsetzte und nur durch den Schwung der beschleunigten Masse wieder herausgeschleudert wurde. Dann waren die Stra&#223;en wieder leer, er irrte weiter, kreuz und quer durch verfallene Stra&#223;enz&#252;ge. Gesch&#228;fte sah er keine, nur an der einen oder anderen Stra&#223;enecke etwas, das wir Heutigen <em>Kiosk</em> nennen w&#252;rden. M&#228;nner mit Flaschen in der Hand standen davor, im Mundwinkel qualmende Zigaretten. Ihre Gesichter waren aufgedunsen. Der Blick tr&#228;ge und stier. Und in jeder Falte, auf jedem Stoppel der Gesichter sa&#223; wie z&#228;her Staub, wie grau-schmieriger Schleim die Hoffnungslosigkeit.</span></p>
<p><span>Kevin wusste nicht zu sagen, wie lange er &#252;ber diese zerst&#246;rten Stra&#223;en fuhr. Er konnte nicht einsch&#228;tzen, wie gro&#223; dieses Viertel, dieses Gebiet, diese Welt war – es kam ihm vor, als ob er durch irgendein schwarzes Loch in eine andere Wirklichkeit gefallen war, in ein Paralleluniversum, in eine kaputte, kranke Version seiner Welt. Eine Version, in der die Wirtschaft sich nicht erholt und den Menschen keinen allgemeinen Wohlstand gebracht hatte. In der die Technik nicht &#252;ber Armut und Krankheit gesiegt hatte. Eine Wirklichkeit, die noch nach dem Kohlenstaub des neunzehnten Jahrhunderts stank, nach Massenarbeitslosigkeit und Verzweiflung.</span></p>
<p><span>Er bog willk&#252;rlich in Stra&#223;en ein. Er hatte keine Ahnung, wo er war, er wusste nicht, wohin er musste, noch nicht einmal die grobe Richtung. Vielleicht h&#228;tte er, wenn er in eines der H&#228;user gegangen und bis zum Dach hinauf gestiegen w&#228;re, den Dom sehen k&#246;nnen, den Rhein, irgend etwas anderes, das er einordnen konnte. Aber er traute sich nicht, stehen zu bleiben und auszusteigen. Aus den Fenstern schauten Gesichter, Gardinen bewegten sich, wenn er vor&#252;ber fuhr. Er h&#246;rte schon das zornige Rufen, sah gesch&#252;ttelte F&#228;uste, fliegende Steine.</span></p>
<p>Ihm war nur noch die absurde, nach Verzweiflung schmeckende Hoffnung geblieben, dass er, wenn er weiter und weiter fuhr, irgendwann aus diesem Albtraum heraus kam, in irgendeine Stra&#223;e einbog und der Asphalt keine L&#246;cher mehr hatte und keine Risse, dass die H&#228;user nicht mehr aussahen, als st&#252;nden sie kurz vor dem Abriss mit eingeworfenen Scheiben, zugenagelten Fenstern.</p>
<p><span>Und so fuhr er und fuhr, nahm wahllos Abzweigungen und sah den F&#252;llstand des Wasserstoffs immer weiter sinken. Er wusste nicht, was er tun sollte, wenn die Anzeige erst in den roten Bereich geraten und dann der Wagen stehen bleiben w&#252;rde. Er hatte noch zu deutlich das Bild vor seinem inneren Auge, wie man ihn durch die zerschlagene Heckscheibe nach drau&#223;en zerren k&#246;nnte und die aufgebrachten Menschen ihn traten und schlugen.</span></p>
<p><em>Lesen Sie auch in der kommenden Ausgabe die Fortsetzung von Norman Liebolds Novelle! </em></p>
<p><strong><br />
<img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-02.jpg" alt="&quot;Navigator&quot; von Norman Liebold Amator Veritas Verlag Cover" hspace="10" width="120" height="188" align="left" /><br />
„Navigator</strong><strong>“</strong><em><br />
Dystopische Novelle</em><br />
von Norman Liebold<br />
Amator Veritas Buch XLIV, Dez. 2008<br />
84 Seiten, Paperback brosch&#252;rt. Format 128×210mm<br />
8,60 Euro<strong> </strong>(keine Versandkosten)<br />
ISBN-10: 3-937330-29-7<br />
ISBN-13: 978-3-937330-29-7</p>
<p><img src="/materialien/bilder_presse/09-04-22_nrhz-01.jpg" alt="Norman Liebold, Foto Vera Walterscheid" hspace="10" width="180" height="180" align="left" /><br />
Liebold | Foto: Vera Walterscheid<br />
<strong>Norman Liebold,</strong> 1976 in Eilenburg (Sachsen) geboren, kann mit gutem Gewissen als „Universalk&#252;nstler“ bezeichnet werden. Der Grafiker, Schauspieler, Fotograf, Webdesigner, jedoch nach eigener Auskunft „in erster Linie Autor“, hat in nur wenigen Jahren 18 B&#252;cher ver&#246;ffentlicht. Neben epischer Dichtung, Theaterst&#252;cken, Kunstm&#228;rchen und sozialkritischen Novellen zeichnen die von ihm ins Leben gerufenen „Siebengebirgskrimis“ den bei K&#246;nigswinter lebenden Autor aus. Doch allen Werken Liebolds gemein ist ihr gesellschaftskritischer Charakter.<br />
<strong>Weitere Informationen</strong> auf der <a href="hrrp://norman-liebold.de/" target="_blank">umfangreichen Webseite des Autors.</a> (CH)</p>
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